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Vor zwanzig Jahren hat man noch jedes neue Buch von Günter Grass, Christa Wolf, Botho Strauß oder Peter Handke wie eine Sensation behandelt: Es wurde erwartet, jeder hat es sich gekauft, die Rezensionen und Besprechungen lagen bei Erscheinen des druckfrischen Buchs vor und fühlten sich genauso wichtig wie die behandelten Autoren.
Mittlerweile sind die großen Autoren alt geworden, auch wenn es ihre zum Teil noch immer jugendlichen Autorenfotos oft nicht verraten wollen - Botho Strauß sorgt sich um die Erhaltung seines Bildes fast wie Marlene Dietrich, nur dass seine Wohnung nicht in Paris, sondern in der Uckermark liegt. Und alt werden, das heißt heute für Autoren und Bücher: Sie sind uninteressant, gewöhnlich, schleichend unauffällig; sie wirken so vertraut, daß man sich keine Mühe mehr mit ihnen geben mag.
Während Ernst Jünger noch nur aufgrund seines Alters eine literarische Sensation sein konnte, darf sich heute keiner mehr auf dem Altenteil seines Ruhms ausruhen. Die Bücher von Grass, Wolf, Strauß, Handke & Co. sind Bücher wie alle anderen auch. Und wenn sie als Autoren noch auffallen, wenn sie die Aufmerksamkeit von früher bekommen wollen, dann müssen sie entweder einen Nobelpreis bekommen wie Günter Grass und Elfriede Jelinek, oder sie müssen richtig Rabatz machen. Wie Martin Walser, der als ewig jugendlicher Krawallist durchs Land zieht und nicht gelassen in Ruhe und Ehren alt wird. Nicht einmal bei seinem Verlag: Als ob es für ihn noch um die Verbesserung der Position gehen würde, wechselt er wie ein Frischling auf dem Feld des Literaturmarkts seine Stellung.
Das Alter der Literatur bereitet heute besondere Probleme: Man fragt sich, ob junge Literaten überhaupt noch alt werden können. Man sieht, daß Verlage ihre Autoren nicht mehr ein Leben lang pflegen, hegen und ehren. Der Betrieb legt auffällig viel wert auf jugendliche Debütanten, auf den Newcomer des Jahres.
Alle Probleme, die unsere Gesellschaft mit den Jungen und Alten haben soll, hat auch die Literatur; und auch sie verteilt ihre Aufmerksamkeit ungleich: Die Jungen sind wichtiger als die Alten, selbst wenn die Kosten dort anders verteilt sind - wenn man mit einem Mitarbeiter des Fischer-Verlags essen geht, begleicht der gern generös die Rechnung mit den Worten: "Thomas Mann zahlt". Ist "Nachhaltigkeit" auch literarisch gesehen eine vernachlässigte Kategorie?
Lit06.de fragt daher in der neuen Ausgabe monatlich neu in Essays, Reportagen und Rezensionen, in Miniaturen und Beobachtungen nach dem Alter und dem Altern der Literatur:
Im lit.thema beschäftigen sich Essays und lose Notizen mit alten Autoren, mit alten Romanfiguren, mit Altersbiographien und mit vielem anderem rund ums Titelthema - jeden Monat neu!
In der lit.kritik besprechen wird merkwürdige Bücher, die ganz geruhsam altern können oder deren Aktualität sie schon beim Erscheinen uralt aussehen läßt - jeden Monat neu!
In den lit.folgen reflektiert Stefan Mesch in der Fontline über Schriftarten, die nie veralten; in der Rubrik Alter Ego lässt Alexandra Müller die O-Töne der Autoren von gestern und heute aufeinander treffen; und die Hypermarché-Regale sind wie immer neu mit dem guten alten Manufactum-Literatur-Produkten gefüllt.
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wünscht lit06.de
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