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Experten für neue Ratschläge gesucht

Ab April 2006 wird lit06.de zum "Magazin vom geglückten Leben". Denn dann kümmern wir uns um den Ratgeber-Hype.


Endlich geht es nur noch um dich und dein Leben

Gerade erscheint bei dtv eine Reihe von schön aufgemachten Taschenbüchern, die sich "Kleine Weltbibliothek der Weltweisheit" nennt. Im ersten Band spendet Boethius den "Trost der Philosophie". Im zweiten Band folgt Buddha mit seinen "Reden". Dann präsentiert Balthasar Gracian sein "Handorakel" und über Hildegard von Bingen, Konfuzius und Montaigne geht es bis zu Voltaire und Schopenhauer.

Was als Weltweisheit daherkommt, wird heute etwas schlichter Ratgeber genannt. Wer den dritten Band der Reihe von Epiktet aufschlägt - "Das Buch vom geglückten Leben" - bekommt gleich einen guten Ratschlag mit auf den Weg. Da nur einige, aber nicht alle Dinge in unserer Gewalt sind, so schreibt Epiktet, soll man immer so denken und handeln, dass man nur über die Sachen verfügen will, die man in der Gewalt hat. Wer über die anderen verfügen will, macht sich unnötige Schwierigkeiten.

Das "Man" ist bei Epiktet ein "Du". Tatsächlich spricht Epiktet den Leser mit "du" an, weil es in jedem einzelnen Absatz um den konkreten Leser und die Anwendbarkeit der Ratschläge in des konkreten Lesers konkretem Leben geht. Jede Weisheit, jeder Ratschlag trägt eine kleine Merkregel in der Überschrift ("Keine Halbheit!", "Äußere Dinge - was gehen sie dich an?" etc.), dann folgt eine Nummer, dann sofort die kurz und knapp Erläuterung für den Grundsatz des richtigen Tuns und Denkens.

"Es ist nicht erstaunlich", schreibt Bernhard Zimmermann im Nachwort zum Buch vom geglückten Leben, "dass Epiktets praxisorientierte Philosophie in einer an Unsicherheit reichen Zeit entstand." Philosophie werde hier, so Zimmermann, zum Mittel der Krisenbewältigung, zur Lebenshilfe, zu einem höchstes irdisches Glück verheißenden Religionsersatz. "So ist es auch kein Wunder, dass Epiktets Handbüchlein auch nach 1900 Jahren heute, in einer an Unsicherheit nicht armen Epoche, nichts von seiner Anziehung verloren hat."


Der Ratgeber-Boom

Mit diesem Kommentar gibt Zimmermann einen Hinweis auf die Funktion von Büchern der Weltweisheit und Ratgebern in der Gegenwart. Sie versprechen, Unsicherheiten in der eigenen Lebensführung zu absorbieren. Sie bieten Regeln, wo alles regellos scheint - oder wo sich die Regeln derart rasant verändern, dass man Experten braucht, die von Zeit zu Zeit über die Regelvariationen, Regelbrüche oder Regelkonstruktionen informieren. Das Manual, mit dem ein Videorecorder programmiert oder eine Espressomaschine bedient werden kann, ist deshalb die trockenste und vielleicht letzte Form der Weltweisheit: Denn sie bietet Zugang zu den Medien und zum gutem Geschmack - zweifellos zwei der wichtigsten Ressourcen, die man heute braucht, wenn man sich in der überkomplexen Welt orientieren und auch noch mit Genuss leben will.

Die Ratgeber haben längst die Esoterik-Ecke der Buchläden verlassen und sich in allen Sparten, auf allen Niveaus, in allen Stilformen und in allen Ernst- und Ironieabstufungen etabliert. Der lebenspraktische Anteil an der antiken Philosophie wird ebenso wieder entdeckt wie die der kreativitätsfördernde Anteil an den Regularien der Rhetorik. Der Original-Machiavelli wird ebenso verkauft wie seine Aktualisierungsversuche für Frauen, für Manager und für Hausmeister. Raucher werden ebenso zum Nicht-Rauchen animiert wie Denker zum Nicht-Denken. Und der Weg zur ersten Millionen wird ebenso aufgezeigt wie der Weg zum stilvollen Verarmen.


Ab April 2006: Das Magazin vom geglückten Leben

Mit dem Themenheft "Ratgeber" wird sich lit06.de, das Magazin für Literaturkritik und literarische Öffentlichkeit, vom April bis zum Oktober 2006 in "Das Magazin vom geglückten Leben" verwandeln. Wir forschen dem Trend zum Ratgeber nach. Dafür nehmen wir einzelne Erfolgsbücher genauer unter die Lupe. Wir forschen nach den geheimen und offensichtlichen Verbindungen, die sich quer durch die Kulturen und längs durch das ganze Abendland spannen: zwischen Konfuzius und Fernsehpastor Fliege, zwischen Epiktets Philosophie und Stefan Kleins "Glücksformel"-Bestseller… Wir fragen nach der Verbindung von Sachbuch und Ratgeberei. Wir präsentieren selbst neue Ratgeber und Manuals, in denen erklärt wird, wie Ratgeber und Manuals geschrieben werden. Wir berichten aus den Expertenkommissionen, in denen für Nicht-Experten Regeln erarbeitet werden. Wir üben uns in Höflichkeit, in fernöstlicher Kampfkunst, in englischer Exzentrik, in Liebestechniken der völlig revolutionären Art, wie lernen uns zu wehren, zu beherrschen, uns gehen zu lassen, zufriedener zu sein, biegsamer und schmiegsamer, spröder und blöder zu sein…


Mitmachen! Mitschreiben! Exposés schicken!

Wer zu diesem Thema kulturjournalistische Texte schreiben will, wendet sich mit einem Vorschlag an die Redaktion von lit05.de.

Wir hoffen auf Beiträge, auf Skizzen, Snapshots, Analysen, Essays, Rezensionen, Porträts, Gesprächen mit Experten etc.

Wer an der Universität Hildesheim oder der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und bei der neuen Ausgabe mitmachen will, ist herzlich willkommen. Folgendes ist zu beachten:

1. Bis zum 1. Februar 2006 müssen Exposés zu einzelnen Textprojekten bei der Redaktion eingegangen sein. Umfang: 1500 Zeichen. Wer, was, wie, warum, These. Per Mail an
expose0lit06.de.

2. Von der Redaktion kommt dann eine Rückmeldung. Das Projekt wird gemeinsam problematisiert und, wenn es angenommen wird, fixiert: Länge, Form und - wichtig! - Abgabetermin.

3. Der fertige Text wird dann von der lit06.de-Redaktion gemeinsam mit dem Autoren bzw. der Autorin lektoriert, redigiert und korrigiert. Oder einfach nur gefeiert.

4. Wenn der Text dann wie besprochen abgeliefert wird - mit Angaben, mit Bildern etc. (siehe >>style sheet!) - erscheint er in der neuen Themenreihe auf lit06.de.

5. Die Autoren werden mit Bild und Adresse auf der Mitarbeiterseite von lit06.de präsentiert.

Selbstverständlich behält sich die Redaktion vor, Exposés und Texte abzulehnen - aber wir tun alles für das Gegenteil.

P.S. In den Regalen des Hypermarchés ist im Übrigen immer Platz für Neuzugänge!




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