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Robin Detje ist 1964 in Lübeck geboren. Er ist nicht nur ausgebildeter Clown und Schauspieler, er war auch Literaturredakteur der Zeit und der Berliner Zeitung. Heute arbeitet er als freier Autor. Im Herbst will Detje mit Abstand – Magazin für Weltinnenpolitik, Wirtschaft und Kultur eine neue Politikzeitschrift herausbringen. Ohne Fotos und gefühlvolle Illustrationen will er Journalismus machen, der "die Leser nicht systematisch unterfordert". Zum Wappentier seiner Zeitschrift hat Detje den
löwentatzigen Eberkopf-Fisch
erklärt. Was das bedeutet, macht er im Interview klar: "Dieses Tier ist ein bisschen unberechenbar, da weiß man nicht so genau, was es als nächstes macht. Da muss man Acht geben. Man will aber auch hingucken, man möchte es verstehen."
Mit Robin Detje sprachen Jan Oberländer und Kai Splittgerber.
Lit.05.de: Herr Detje, auf der TIP-Liste der 100 peinlichsten Berliner des Jahres 2003 haben Sie noch vor Katja Riemann und Florian Illies den Platz 75 erreicht.
Detje: Weil ich für Michel Friedmann eingetreten bin. Wenn man alle Leute anguckt, die so zu Prostituierten gehen, warum trifft es gerade Michel Friedmann? Ich fand das sehr interessant.
Lit.05.de: Auf Ihrer Homepage www.abstand.info> nehmen Sie Cicero und die Zeit aufs Korn. Für beide Blätter haben Sie selbst geschrieben. Was stört Sie genau?
Detje: Cicero ist ein Selbstmarketingprojekt. Es gibt kaum einen Autor, der nicht unter seine Artikel schreibt, für welche Lobbyistenorganisationen und Vereine er tätig ist. Kritischer, unabhängiger Journalismus kommt in Cicero nicht vor. Und in der Zeit lese ich zunehmend übermoderierte Texte, manchmal habe ich das Gefühl, da laufen kleine Nummerngirls durch den Text und sagen "Hey, jetzt wird’s wieder spannend". Da hat man wohl Angst, dass die Leute das Thema nicht interessiert. Also wird man eingelullt und mitgenommen. Mir fehlt hier die im positiven Sinne fordernde Strenge.
Lit.05.de: Warum gerade diese beiden Blätter als Zielscheibe?
Detje: Das sind die beiden Angriffspunkte. Ich will gar nicht erst den Eindruck erwecken, noch ein neues Nischenblatt zu gründen.
Lit.05.de: Sind die Nischen nicht ohnehin bedient?
Detje: Die Qualitätszeitungen bedienen ihre Leser nicht mehr, weil sie es von ihrer Unternehmenskultur her nicht mehr können. Sie sagen zwar: "Immer an die Leser denken". Aber die Leser, die sie im Auge haben, sind ein maschinelles Konstrukt. Das sind nicht mehr Menschen, mit denen Aug in Auge geredet wird. Die Leser sind längst woanders.
Lit.05.de: Warum kommt Ihr Manifest (http://www.perlentaucher.de/artikel/2291.html) schon jetzt, wo das Magazin doch erst im Herbst erscheinen wird?
Ganz einfach, Christian Meier von der Welt am Sonntag ist mir draufgekommen. Ich habe im "Titelschutzanzeiger" Titelschutz beantragt, wollte ein paar Hundert Euro sparen und habe das nicht über einen Anwalt gemacht. Der Kollege hat den Anzeiger offenbar wach gelesen. Er hat mich angerufen, und meine Berater und ich haben uns gesagt: Wir nutzen das produktiv und gehen in die Offensive.
Lit.05.de: Wie stark darf ein politisches Magazin, das wirklich auf Abstand gehen will, wirtschaftlich denken?
Detje: Auf der Verlagsebene muss man immer wirtschaftlich denken. Nur darf man dabei bestimmte Regeln nicht brechen. Man darf das, was in einem kreativen journalistischen Prozess an menschlichen Verunreinigungen nötig ist, nicht wegrationalisieren. Jeder gute Unternehmer schützt das Produkt, das er verkauft. Und ich werfe den Verlagen von heute vor, schlechte Unternehmer zu sein. Weil sie die Produkte, die sie verkaufen, verraten.
Lit.05.de: Sie wollen in Abstand auf Fotos verzichten. Das klingt nach Bleiwüste?
Detje: In den modernen Zeitungen ist das Machtverhältnis zwischen Bild und Text verrutscht. Immer größere Fotos entschuldigen sich bei den Lesern dafür, dass überhaupt noch Text daneben steht. Das wollen wir wieder gerade rücken. Und weil wir eine ganz klare Haltung haben, sagen wir erstmal: Es geht auch ohne. Oder wir stellen sie in einen Mittelteil, wie in alten Büchern. So dass im Text steht: "(Abb. 1)", und wenn man das Foto sehen will, muss man blättern. Abstand wird natürlich kein fades Blatt sein, wir werden mit allen Themen und Genres spielen und mit allen Möglichkeiten, die wir haben. Wir sind begeisterte Spieler. Wir reden mit einem tollen Comiczeichner, der schon zugesagt hat, einem Amerikaner. Wir werden in jedem Blatt Illustratoren haben, die ihre Figuren über die Seiten jagen.
Lit.05.de: Im Freund gibt es auch keine Fotos.
Detje: Ich bin ein Freund des Freundes. Erstens sieht die Zeitschrift schön aus, und zweitens mag ich den eitlen Auftritt. Das ist Narzissmus, der nichts anderes sein will als Narzissmus, in sehr gelungener Form. Ich würde das nie machen, aber ich verteidige das immer.
Lit.05.de: Ein paar Fakten über Ihr Produkt, bitte.
Detje: Preislich über fünf Euro, unter fünf Euro ist zu billig, das sieht nach nichts aus. Umfang haben wir im Moment 55 Seiten, auf sehr dünnem Papier, sehr elegant. Das Format ist DIN A4 stumpf, zum Zusammenrollen und In-die-Tasche-Stecken. Das ist sehr wichtig.
Lit.05.de: Auflage?
Detje: Zwei Millionen.
Lit.05.de: Sie werfen den Zeitungsverlegern vor, Erlebnis-Journalismus statt kritischen Fakten-Journalismus zu machen. Lässt sich das auf die Politik übertragen?
Detje: Das ist ja der zentrale Vorwurf an Schröder, dass er nicht inhaltsgetriebene Politik macht, sondern Politik verkauft. Aber die Journalisten machen es ihm natürlich leicht. Ich kenne Pressesprecher aus der Bundesregierung, die mir offen erzählen, dass sie in die Pressekonferenzen gehen, genau ihre verwundbaren Stellen kennen und nur darauf warten, fertig gemacht zu werden. Und von den Journalisten kommt nichts. Aber das können wir ändern.
Lit.05.de: Wie wäre Abstand im Vergleich mit anderen Blättern etwa mit der Visa-Affäre umgegangen?
Detje: Man muss sich eben dafür interessieren, was in der Ukraine wirklich passiert. Da muss man das Geld zusammenkratzen und jemanden hinschicken, anstatt hier mit Joschka Fischer zu sitzen und zu fragen: "Stürzen Sie jetzt? Stürzen Sie nicht?" Das ist nicht das Thema. Ein bisschen Jahrmarkt ist zwar in Ordnung, man darf auch mal jemanden stürzen. Aber das kann nicht das Ziel sein. Das kommt zum Dessert.
Lit.05.de: In der taz war zu lesen, Elfriede Jelinek sei die "Schutzheilige" des Magazins. Warum die Jelinek?
Detje: Elfriede Jelinek und ich haben seit langem Kontakt. Wir sind zwei Kratzbürsten, die einander gut verstehen. Sie macht das, was sie macht, sehr kraftvoll. Ich sage ihr aber immer, dass ich das, was sie macht, weniger politisch finde als viele andere.
Lit.05.de: Götz Aly, Annett Gröschner und Marcia Pally sollen zum Autorenkreis gehören. Wie divers werden die Autoren in ihrer politischen Ausrichtung sein?
Detje: Ich komme eindeutig von links, aus Hausbesetzer-Sympathisanten-Kreisen. Ich war aber immer zu schisserig, da selber rein zu gehen. Ich bin politisch inzwischen bei Karl Popper und Helmut Schmidt gelandet. Das Magazin wird sich sicher als ein Projekt zur Stärkung der Zivilgesellschaft verstehen. In dem Rahmen darf jeder ran. Dabei ist mein Interesse an dem großen Essay "Müssen wir wieder mehr beten?" sehr gering. Mein Interesse an einer machtpolitischen Analyse des Vatikans ist dagegen groß.
Lit.05.de: Gewürzt mit Polemik?
Detje: Polemik ist eine meiner Kernkompetenzen. Abstand soll ein angriffslustiges Magazin werden, das keine Angst hat, auch Teile der Leser mal zu ärgern. Jeff Gedmin vom Aspen Institute beispielsweise schreibt herrliche Provokationen über den Antiamerikanismus der Deutschen – das kann er sofort bei mir machen.
Lit.05.de: Können sie was mit dem Begriff "Poesie der Politik" anfangen?
Detje: Poetische Politik ist Arbeiterlyrik. Max von der Grün. Basisarbeit. Man muss auf den Feuerwehrball gehen wollen, auch als Verleger.
Lit05.de: Aber es gibt doch einen Hang zur Fiktionalisierung in der Berichterstattung über Politik. Politiker haben ja nicht erst seit gestern das Storymanagement für sich entdeckt.
Detje: Sie meinen Scharping im Swimmingpool?
Lit05.de: Warum nicht?
Detje: Es gibt Reporter, die machen Menschen zu Romangestalten, die mit der Wirklichkeit nur noch bedingt etwas zu tun haben. Sowas möchte ich weder lesen noch schreiben.
Lit05.de: Wollen Sie lieber lesen, was sie selbst geschrieben haben?
Detje: Ich mache das Gegenteil. Ich habe endlos lange diese Art von Feuilleton-Sofortkommentaren geschrieben, die ich jetzt kritisiere. Was ist denn davon noch wirklichkeitshaltig? Ich verlasse meine Heimat da auch aus Langeweile. Der Feuilletonbetrieb hat sich eingemauert, ist eine Vereinszeitung geworden. Und hat sich entschlossen, beleidigt mit dem subventionierten Kulturbetrieb unterzugehen. Mich interessiert das nicht mehr so.
Lit.05.de: Wie definieren Sie den Begriff "Weltinnenpolitik", den Sie im Untertitel Ihres Magazins nennen?
Detje: Ich habe mich nach dem 11. September noch einmal weiter politisiert. Mir wurde klar: Was im Grenzgebiet von Pakistan geschieht, kann letztlich genauso meine Gesundheit beeinträchtigen wie die Gesundheitsreform. Also wird Abstand sich für beides gleich stark interessieren. Für die Weltbank genauso wie für die Sicherheit im Online-Banking.
Lit.05.de: Die Redaktion von lit.05.de will demnächst ein Magazin für Weltaußenpolitik gründen. Was müsste denn da rein?
Detje: Das wäre ja außerhalb der Welt. Das wäre der Kontakt zu Aliens. Sex With Alien Babes wäre dann der bessere Titel, das würde sich verkaufen.
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