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Die ganze Welt nur eine Suchmaschine


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Thomas Meineckes neuer Roman "Musik"

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Von Florian Kessler


Für Thomas Meineckes Romanfiguren ist die ganze Welt nur eine Suchmaschine. Als Kinder des Medienzeitalters sind sie davon besessen, dass jede Information nur einen einzigen Suchbegriff, nur einen Mausklick weit entfernt liegen könnte. Buch für Buch suhlen sich Meineckes Theoriefresser und Informationsjunkies in abrufbarem Wissen, inhalieren Daten und Fakten, knüpfen Verbindungen und zeigen Zusammenhänge selbst dort auf, wo es nach landläufiger Meinung gar keine geben dürfte.

Wildwuchernder Zettelkasten von Kulturwissenschaftlern
Karol und Kandis, so heißen die beiden manischen Wissensakkumulatoren in "Musik", Meineckes neuem Roman. Die zwei sind Geschwister, sie leben in Wolfratshausen in Oberbayern. Karol arbeitet als Flugbegleiter für die Lufthansa und interessiert sich nebenher vor allem für die Transformation und Evolution von Musikstilen; Kandis ist Schriftstellerin und schreibt an einem Buch über historische Ansätze des weiblichen Schreibens. Abwechselnd erzählen die Beiden in der Ich-Perspektive von ihren Rechercheprojekten, ihren Gedanken und Empfindungen beim Lesen, Musikhören und Diskutieren. Eine wirkliche Romanhandlung kommt mit dieser Konstruktion natürlich nicht in Gang. Aber darum geht es dem Autor auch nicht, Meinecke will gar keine Geschichte erzählen. Stattdessen ergeben die fragmentierten, gebrochenen Sekundenessays, Notizen und Fundstücke seiner Protagonisten einen gewaltigen, wildwuchernden Zettelkasten zu verschiedenen Fragestellungen.

Der 1955 geborene Thomas Meinecke ist Autor, Musiker und auch Radio-Diskjockey. Schon deswegen ist seine Schreibtechnik, verschiedenste Wissensfetzen zu einem einzigen großen Text zusammen zu schneiden, häufig mit dem Verfahren eines DJs verglichen worden, unterschiedliche Musikstücke ineinander zu samplen. Allerdings tragen solche Vergleiche nicht allzu weit. Was Meineckes Schreibtechnik viel eher prägt, ist eine durch und durch kulturwissenschaftliche Herangehensweise an Literatur. Meineckes Bücher machen Ernst mit der Behauptung, dass Grenzziehungen zwischen Hoch- und Populärkultur scheitern müssen. Sein geballtes Ab- und Ineinanderschreiben von Informationen kann dabei durchaus ein wenig krude klingen.

Zigarren für Claudia Schiffer in der Postmoderne
Was für Fragen, was für Themenkomplexe sind das, die das kluge Geschwisterpaar in "Musik" umtreiben? Glutkern ihrer Recherchen scheinen Geschlechtskonstruktionen, scheint Sexualität, scheinen die Phänomene zu sein, die die Kulturwissenschaften unter dem Begriff "Gender" zu subsumieren pflegen. Schwester und Bruder nähern sich diesen Themen von unterschiedlichen Seiten her an, werden sich aber zunehmend darüber bewusst, wie sehr sich ihre Fragen ineinander verzahnen. Der ständige Informationsaustausch der beiden führt bisweilen zu skurrilen Diskursen: Die Geschlechtertheoretikerin Judith Butler etwa prallt hier auf den Machtpolitiker Arnold Schwarzenegger, Nietzsches Nutzen für den Feminismus wird herausgestellt, Claudia Schiffers Beziehung zu phallusartigen Zigarren eingehend erörtert.

In diesem Durcheinander entfaltet sich in Meineckes Roman eine Poesie der postmodernen Politik, die nicht mehr von den großen Erzählungen lebt, sondern von den vielen kleinen Splittern, von den Mikrofasern des Politischen. Von ihnen ist die ganze Sprache kontaminiert. Diese Sprache spricht von selbst und mit ihr spricht durch die Helden die Ordnung der Dinge als Ausdruck der Macht. "Auf einem hellblauen Zettel, der seit Wochen herausfordernd an meiner Schreibtischlampe haftet, steht: Ich weiß ein schönes Spiel, ich mal mir einen Bart, und halt mir einen Fächer vor, dass niemand ihn gewahrt. Wo könnte ich Adornos und Eislers Anmerkungen zu diesem sexuell ambigen Kinderreim finden? Im Fernsehen, gleich auf mehreren Kanälen: Tweets Video Clip zu Oops Oh My, der in einer eisigen, quecksilbrigen Cyber World spielt. In der aktuellen Ausgabe der dezidiert linken Zeitschrift Konkret wird Tweets Texten Sozialer Realismus attestiert, ihre Platte firmiert dort als Album des Monats."

Der Sound des Infotainment
Dieser ganze Wust ließe sich nun nur wenige Seiten lang ertragen, wäre da nicht Meineckes Sprache. Meinecke gelingt es nämlich, mit seinem wilden Infotainment einen Sound zu erzeugen, der den Leser Seite für Seite durch das Buch zieht. Zugleich ist Meinecke ein Meister der schrägen Situation. So lebt die Figur des Flugbegleiters Karol in vielen Szenen von der Absurdität, sich unbedingt und ausschließlich auf rein theoretischer Ebene mit Sexualität und ihren Komplikationen auseinandersetzen zu wollen. In Gesprächen mit seinen stets hochgebildeten und attraktiven Stewardess-Kolleginnen in diversen Lufthansamaschinen und Hotelzimmern in aller Welt kommen ihm dabei jedoch immer wieder recht greifbare erotische Situationen ins Gehege.

Mit "Musik" hat Thomas Meinecke einmal mehr das multimediale Prasseln als Poesie der Politik für die Literatur fruchtbar gemacht. Schon jetzt kann man gespannt sein, welchen Themengebieten seine Rechercheure sich als nächstes zuwenden werden. Denn genau das ist ja das Prinzip einer Suchmaschine: Antworten gibt es viele. Vor allem aber kommt es auf den richtigen Suchbegriff an.

Thomas Meinecke: Musik. Roman; Suhrkamp, 2004; 372 S., 19,80 EUR.

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