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lit04.de - Titelthema: provinz.

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Jürgen von der Wense – Aus dem Leben eines Fauns.


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Ein Porträt von Bruchstücken

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Von Michael Arnold und Jan Behrs







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Höxter, Warburg, Eschwege. Öde Orte? Allerdings. In Zeiten der globalisierten Tourismusindustrie dürften die "Straße der Weserrenaissance" oder das Beverner Schloss nur noch wenige Touristen anlocken. Mag das deutsche Mittelgebirge noch so reizvoll sein, es gibt aufregendere Postkartenmotive als Hitzel-, Macken-, Volke-, Vatte- und Fretterode. Schwer zu glauben, dass gerade der Harz und sein trostloses Umland Inspirationsquell für einen Autor waren, der, wäre er bekannter, als der Enzyklopädist der deutschen Provinz gelten könnte. Werratal, Reinhardswald und Desenberg sollen einen der originellsten und produktivsten Schreiber des 20. Jahrhunderts gut 30 Jahre lang beschäftigt haben? Unmöglich. Dennoch ist es so: Dieses Land ist Wense-Land.

Die Welt im Zimmer

Realitätsverlust gepaart mit Größenwahn ist eine Kombination von Eigenschaften, die nicht wenige moderne Autoren in sich vereinen. So kann eine Selbsteinschätzung wie "Wenn ich einmal sterbe, wird man die Welt in meinem Zimmer finden" dem Leser für gewöhnlich kaum ein müdes Lächeln entlocken. Als der Verfasser dieses Statements, Jürgen von der Wense, 1966 tatsächlich starb, fand man in seiner Dachkammer über der Göttinger Altstadt alles in allem nicht weniger als 315 nach verschiedensten Sachgebieten geordnete Mappen mit fast 30.000 doppelseitig beschriebenen Blättern. Dazu kommen ungezählte Notizzettel, ausgeschnittene Zeitungsartikel, meteorologische Tabellen, Photographien und tausende von >>Briefen.

Wense, sechs Jahre vor Ablauf des 19. Jahrhunderts geboren, war ein Sinnsucher mit Absolutheitsanspruch. Dichtung, Juristerei, Flugwesen, Kompositionen, Übersetzungen, völkerkundliche Forschungen – der Allesdenker kannte in seinem Wissens- und Formungsdrang weder Maß noch Regel. "Ich inventarisiere die Schöpfung", schrieb er in sein Tagebuch. Wie aber ist es möglich, dass das Werk dieses dichtenden Sisyphos bis heute nahezu unentdeckt ist?

Die Qualität der Wenseschen Dichtung zumindest ist bei den wenigen, die sie kennen, unbestritten. Nur lesen kann man davon kaum etwas. Der Großteil der Texte Wenses nämlich wurde nie veröffentlicht – sein Werk besteht aus einem riesigen überbordenden Nachlass. Ein Autor, der eine mehr als 30bändige Werkausgabe für die Schublade verfertigt – wie soll man das verstehen?

"Ich halte es mit der Heulboje" - Vom Großstädter zum Provinzler

In jungen Jahren hat Wense einen künstlerischen Entwicklungsgang durchlaufen, wie man ihn sich Erfolg versprechender nicht denken kann. So gelingt es dem gerade 19jährigen, in radikalen künstlerischen Gruppen des expressionistischen Berlins Fuß zu fassen. Er ist mit Carl Sternheim, Georg Kaiser und Kurt Hiller befreundet, veröffentlicht in Pfempferts "Aktion" einige Gedichte und sorgt mit seinen ultramodernen Kompositionen in der Musikszene für Aufsehen. Ein einflussreicher Kritiker befindet: "Wense stellt alles in den Schatten an Extremismus". Keine schlechten Vorzeichen für eine Künstlerkarriere in der brodelnden Metropole, sollte man meinen. Schon bald jedoch katapultiert ein unbändiger Neuerungsdrang den jungen Extremisten wieder aus der Sphäre der Hochkultur, die ihm schnell unerträglich war: "Raus, raus! Jede Erfahrung die ich mache ist ein Betrug! Niemals zurück in diese Cafés! Etwas ganz Neues will ich beginnen".

Wense zieht nach Warnemünde und bricht systematisch alle Brücken hinter sich ab. Er fordert in einem Zeitschriftenaufsatz die "Abschaffung der Musik", verwirrt in Donaueschingen seine Anhänger mit neuen, "primitivistischen" Kompositionen und schreibt an einen Freund: "Ich bin gekommen, um ihnen das Schwert zu bringen. Ich oder Ihr. Einer muss fallen." Wenses Lebens- und Kunstauffassung geraten zunehmend zu einem konsequenten Gegenentwurf des herkömmlichen modernen Selbstverständnisses. Seine Strategien künstlerischer Verwirklichung fallen dementsprechend mehr und mehr aus dem Rahmen. So berichtet er in einem Brief von einem Konzert des lokalen Gesangsvereins "Heulboje" und resümiert: "Es war wirklich ein Konzert, das ich genoss. In Berlin gibt es jetzt Mahlers 7., und ich lese das ohne Neid. Was ist Berlin – eine große Stadt – ein großes Armenhaus. Ich halte es mit der Heulboje." Auch literarisch wendet er sich von der Urbanität des Expressionismus' ab und der Einfachheit des Landlebens zu. In den nächsten Jahren beschäftigt er sich mit der Übersetzung von Volksliedern aus diversen Sprachen (darunter die Dichtungen abgelegenster ozeanischer und amazonischer Völker) und studiert gleichzeitig die skurrilen Bräuche der Provinzler gleich nebenan: "Nachts stellen die Eingeborenen kleine Eimer vor die Häuser. Dies ist betrachtungswürdig."

On the road: Der Weg ist das Ziel

Seine endgültige Bestimmung findet Wense, als er 1932 mit dem Zug durch die Warburger Börde fährt:

"Ich sehnte mich nach dem Meer, nach zerschlagenen Lichtern, nach einer nur waagerechten und gespannten Ferne – und da geschah es, irgendwo vom Zuge aus, ich ging auf den Closett und da sah ich [...] ein Ungeheuer, etwas Furchtbares. Es war das erste Mal, dass ich mit einer Sache nicht fertig wurde, die mich überbot."

Wense hat den Desenberg gesehen. Der Eindruck überwältigt ihn derart, dass er sich Hals über Kopf entschließt, das norddeutsche Flachland zu verlassen und nach Mitteldeutschland umzusiedeln. Diese Entscheidung ist verbunden mit einer künstlerischen Obsession, wie man sie sich komplexer und aussichtsloser nicht ausmalen kann: Wense setzt sich mit seinem Umzug das Ziel, die Gegend zwischen Göttingen, Warburg und Eschwege quasi komplett zu beschreiben und "auszuwerten". Um Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, begibt er sich auf eine mehrere Jahre dauernde Wanderschaft.

"Ich selbst gehe mit 3 Koffern nach Quedlinburg, wo ich mich auf das primitivste und billigste etabliere und meine Fragmente schreibe. Ich möchte jedes meiner Werke in einer anderen Stadt schreiben. Da ich nicht weit reisen kann, ziehe ich immer in die nächsten Orte, etwa Gandersheim, Höxter, Nordhausen."

Ethnographischer Auftrag Provinz

Wense verwirft also mit 38 Jahren seine Nachdichtungen von Texten der Ewe, der Uitoto, der Jap und der Insel Malta und bricht überstürzt ins provinziellste Nirgendwo auf, mit dem Ziel, dieses Land und seine Leute absolut zu begreifen. Tagtäglich führen ihn seine Wanderungen an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. In schnellem Schritt legt er innerhalb von 10, 12 Stunden unglaubliche Entfernungen zurück. Folgerichtig stehen am Beginn seiner Reflexionen oft Erschöpfungszustände. Wenses veränderte Wahrnehmung schlägt sich in emphatischen Hymnen auf sein neues Lebensumfeld nieder.

"Was Hessen von allen anderen Landschaften Deutschlands, auch Österreichs auszeichnet, und vor allem dies Land zu dem werthaftigsten und darum auch schönsten macht, ist sein Geheimnis: das HEILIGE."

Die tausend Bilder, die Wense auf sich eindringen sieht, stürzen in seinen Schilderungen ineinander – das Jagen der Wolkenformationen, der Wechsel der Landschaften, die Anlagen der Städte und Dörfer. Wense beschreibt die Provinz in konsequent ultrasubjektiver Weise, die durch ihre Vielzahl von eingenommenen Blickwinkeln besticht. Unter seinen Aufzeichnungen finden sich nicht nur ansprechend-expressionistische Naturdarstellungen, sondern auch Notizen zur Landeskunde, Regionalgeschichte, Etymologie von Ortsnamen und nicht zuletzt Alltagsbeobachtungen. Das Schreiben auf kartographischen Messtischblättern, das Wense als Arbeitsweise entdeckt, trägt dieser Vielschichtigkeit Rechnung. Indem er die herkömmliche Leserichtung des Textes derart zugunsten einer enthierarchisierten Textgestalt verändert, transformiert Wense nicht Landschaft literarisch in Fließtext. Vielmehr legt er seine Texte auf die Landschaft, er passt sie dieser an. So, hofft er, entsteht ein plausibleres Abbild von dem, was ihm vor Ort widerfährt.

Fragment als Prinzip

Das von Wense "Wanderbuch" genannte Werk wurde nie endgültig fertig gestellt. Wense häuft Material um Material an, doch letztlich besteht alles aus zusammenhanglosen Fragmenten. In seiner Göttinger Kammer türmen sich die Akten und Aufzeichnungen. Doch nicht nur, dass Wense mittlerweile jegliches Interesse an einer Publikation verloren zu haben scheint: Ihm wird bewusst, dass seine Sicht der Dinge, wenn überhaupt, nur von Wenigen nachvollzogen werden kann.

"Im Grunde wissen wir nicht, was die Phänomene sind und die Urkunden eigentlich meinen, und ich verklittere nichts, so kommt also keine glatte gemörtelte Wand vor die Augen, nur Ruinen von Ruinen – und endlich ist alles Sage und Märchen; aber eben diese Auflösung ins Welt-Geheimnis ist wieder für die Menge der Leser nur schwer ertragbar, erlebbar, alles ist heute ja ‚Organisation’ geworden und ‚Register’, eben Schrift und Technik [...]."

Der Ungelesene

Kein Wunder also, dass Wenses Werk vergessen, besser gesagt: nie wirklich entdeckt wurde. Erst heute erfährt es eine ungeahnte Wertschätzung: Vornehmlich dem Enthusiasmus eines späten Freundes ist es zu verdanken, dass jetzt, fast 40 Jahre nach Wenses Tod, eine Auswahl aus dem gewaltige Briefwerk, thematisch geordnet, einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. „Von Aal bis Zylinder“ wird das von Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini herausgegebene Mammutwerk heißen, das, wenn alles klappt, im Dezember diesen Jahres in mehreren Bänden bei Zweitausendeins erscheint. Für das Jahr 2005 schließlich ist eine weitere aufregende Veröffentlichung vorgesehen: Der Verlag Matthes&Seitz wird die Fragmente des "Wanderbuches" herausgeben. Auf beide Präsentationen Wensescher Gedankenzersplitterung darf man gespannt sein. Seine bedingungslose Chronik des ländlichen Raums wartet also nur noch darauf, endlich gelesen zu werden.



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Wer damit nicht bis Dezember warten will, findet >>hier einen Brief Wenses vom 30. Juni 1952 an seinen langjährigen Freund und Förderer Wilhelm Niemeyer.

Michael Lissek: "Lass uns immer aufbrechen und nie ankommen." Zu Werk und Leben Hans Jürgen von der Wenses (1894-1966). Revonnah-Verlag Hannover 2003. 30,00 EUR.

Hans Jürgen von der Wense: Von Aal bis Zylinder. Das Briefwerk. Herausgegeben von Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini. Frankfurt /Main (Zweitausendeins), im Druck.

von der Wense: Epidot. Hrsg. v. Dieter Heim. München: Matthes & Seitz, 1987.



Bilder und Zitate mit freundlicher Genehmigung von Reiner Niehoff, Michael Lissek sowie der Verlage Zweitausendeins und Matthes & Seitz.

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