eine Seite zurück diese Seite drucken zur Startseite

lit04.de - Titelthema: provinz.

Service

Provinz!


Editorial

Warum die Literatur in die Peripherie flieht.
















Mit einem "Macht’s gut" hat sich im September das Berliner Stadtmagazin Zitty von jenen Hauptstädtern verabschiedet, die "ihr Glück in der Fremde" suchen – in Manila, in Hamburg, in Udaipur, in Köln.

Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange, die aus der neuen Mitte der Republik nach Hannover gezogen ist, schwärmt: "Die Wege sind kürzer, und die persönlichen Kontakte werden intensiver." Und für die Kinder ist es besser, "wenn man einen Wald vor der Haustür hat statt einer vierspurigen Straße".

Wer derzeit aus den Hauptstädten wegzieht, fühlt sich, als hätte die große Liebe ihr wahres Gesicht gezeigt. Einst hatte sie ein besseres Leben versprochen, ein wilderes, ein kreativeres, womöglich auch ein billigeres. Jetzt sieht es ganz anders aus. Die Party ist vorbei. Die Start Ups sind erledigt. Es gibt für die Jungen und Kreativen kaum noch Jobs. Heute nicht, morgen nicht und an übermorgen will man gar nicht denken.

Jetzt jammern die Großstadtmusikanten: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Zum Beispiel in der Provinz.

So geht der Treck raus aus Mitte, ab in die Peripherie, wo viele einst herkamen, um jenseits davon das große Leben zu leben. Jetzt geht es zurück in die kleinen Städte, aufs Land, ins Neubaugebiet, am besten unters Dach bei den Eltern oder in den Keller mit dem Blick durchs vergitterte Fenster nach draußen auf Grasnarbenhöhe. So ändern sich die Perspektiven.

Die Literatur folgt genau dieser Spur. Wurde seit dem Fall der Mauer der große Berlinroman erwartet, die Wiederkehr der City-Poesie à la Döblin, so gibt man sich jetzt bescheiden. Berlin ist durch. Die Hauptstadt ist pleite und hat nichts mehr zu geben. Der Stoff für die große Erzählung ist hier längst nicht mehr im Angebot.

Stattdessen dominiert die Provinz. Und es setzt sich die Überzeugung durch, dass man eigentlich niemals wirklich weg gewesen ist. Nach den vielen Jahren in der Großstadt spürt man plötzlich ganz ohne Zynismus und ganz ohne Rührseligkeit: Vom Provinziellen hat man sein ganzes Leben was, die Provinz wird man nicht los, ganz gleich, wohin man auch geht.

So ist der Blick zurück ein Blick nach vorn: Da komme ich her, da will ich hin. Nach dem Ende der schönen großen Großstadtträume und mitten im Trennungsschmerz von dieser großen Großstadtliebe wirkt der Gedanke an die Provinz wie kultureller Balsam für die Geschundenen. Ganz utopisch erinnert man sich wieder an die erste große Liebe, an die ersten engen Tänze im Gemeinde-Partyraum, an den ersten Kuss, die ersten zärtlichen Berührungen, die damals noch alles versprachen – Yvonne von nebenan, Helmut von der Siedlung drüben, Mofa-Thorsten, Bäcker-Inge, wo seid ihr? – und drumherum die Musik, die wir nie wieder hören wollten und die uns doch so wundersam Mut macht.

Die einst verhasste Provinz, die jetzt auf so überraschende Weise ein neues Leben verspricht – sie steht im Mittelpunkt dieser Ausgabe von lit04.de.

Auch uns zieht es zurück nach vorn, um die kulturelle Topographie des Provinziellen zu vermessen, zu der das Verhasste seit jeher ebenso gehört wie das Utopische und Melancholische. Und die Abkehr gehört zu ihr ebenso wie die Rückkehr, die Wut auf die kleinen und gemeinen Verhältnisse ebenso wie die Feier der "kurzen Wege" und der "intensiven persönlichen Kontakte".

Provinz ist dabei nicht (nur) das, was zwanzig Kilometer vor der Hauptstadtgrenze beginnt. Provinz ist das, was allen an den Schuhen klebt, was allen im Kopf und im Herzen bleibt, und was selbst noch in den Träumen von dem großen Leben jenseits von Mief und Meierei seine Erzählmacht beweist.

In über vierzig Beiträgen ist lit04.de dieser Erzählmacht auf der Spur.

>>Lit.thema bietet
* Lose Notizen zum Kampf von >>"Held vs. Welt", der in der Provinz gefochten wird.
* >>Kolja Mensing, der mit seinem Buch ‚Wie komme ich hier raus?’ ein mildes Licht auf das Leben in der Provinz geworfen hat, erzählt von einer Lesereise übers Land.
* Eine Reportage folgt den Spuren von >>Diane Krüger, die es aus Hildesheim bis nach Hollywood an die Seite von Brat Pitt geschafft hat.
* Der Schweizer Verleger >>Dirk Vaihinger erkennt die wahre Provinz in der deutschen Großstadt.
* Wir folgen dem fast verschwundenen >>Jürgen von der Wense bei seinen ethnologischen Wanderungen übers platte Land.
* Erklärt wird, warum der >>Osten genau so provinziell ist wie der >>Westen,
* warum >>Zauberer die Großstadt meiden,
* warum die >>Simpsons endgültig im globalen Dorf versumpfen,
* warum die >>Mörder so gerne in der Kleinstadt unterwegs sind und
* warum die >>deutsche Kulturpolitik so ganz und gar und gern provinziell bleiben will.

Für die Rubrik >>lit.kritik haben wir über zwanzig Titel rezensiert, die in den letzten Jahren erschienen sind und die der Erzählmacht der Provinz nachspüren.

Und in der Abteilung >>lit.folgen ist diesmal eine kleine Literaturgeschichte der Provinz zu finden, die in Bruchstücken erzählt und ab sofort Monat für Monat mit jeder neuen Folge von lit04.de ergänzt wird. Wer will, klickt drauf und macht mit und sendet neue Stücke dazu, um die Geschichte zu komplettieren: >>lit.machen!.

Natürlich gibt es unter lit.folgen auch diesmal und immer aktuell in der Monatsmitte bis zur nächsten Ausgabe:
* neue literarische und literarisierende Produkte in unserem >>Hypermarché;
* Test und Empfehlung einer neuen Schriftart für den Computerbildschirm in der >>Fontline;
* Neues von W. und M. im >>Fernschreiber, unserer lit04.de-soap;
* ein Kurzinterview mit einem der >>Stadtschreiber, der für ein Stipendium in die deutsche Provinz gegangen ist, um vor Ort und vom Ort zu erzählen – angefangen mit Raoul Schrott.


Sollten die Leser oder Leserinnen einen der >>Herausgeber, Redakteure oder >>Mitarbeiter von lit04.de wieder erkennen und sachdienliche Hinweise zur Herkunft der jeweiligen Person aus der Provinz geben können (Mofa-Thorsten? Bäcker-Inge?), so werden wir diese nur allzu gern in einer extra Rubrik veröffentlichen.

So dreht sich in dieser Ausgabe alles um die Provinz, Monat für Monat - bis zum 15. April 2005.

lit04.de heißt dann lit05.de und beschäftigt sich mit der >>"Poesie der Politik"

Bis dahin aber erst einmal viel Spaß
beim Klicken
und Lesen -
mit herzlichen Grüßen
aus dem Global Village
ins Global Village
und drüber hinaus

lit04.de


Logo provinz

© lit04.de, 2004

Logo provinz

Service