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Das Lexikon der Sehnsucht


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Der Haushaltswarenversand Manufactum verkauft in seinem "Warenkatalog Nr. 16" unmoderne Produkte – und trifft einen Trend

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Von Jan Oberländer

Thomas Hoof ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Weil er etwas Neues gewagt hat. Oder etwas Altes? Auf der Rückseite des aktuellen "Warenkatalogs Nr. 16" seiner Hauswarenhandlung Manufactum steht der Satz: "Es gibt sie noch, die guten Dinge". Das Firmenmotto. Das Credo.

Im Editorial erklärt Hoof die Idee hinter Manufactum. Er beklagt die Bedrohung echter Wertarbeit durch Nachahmungen, durch sinnlose Innovationen, durch das "Schlechtere, Billigere, Banale". Das versteht man. Neue Sachen gehen pünktlich nach Ablauf der Garantiefrist kaputt, Ersatzteile gibt es keine, schon liegt das Nachfolgemodell im Regal, teurer, dafür bunter. So werden Gebrauchsgüter, wie Hoof schreibt, zu Verbrauchsgütern.

Diesen Kreislauf will Manufactum durchbrechen. Mit dem Verkauf von ungewöhnlichen Gebrauchsgegenständen. Hausrat. Nicht ungewöhnlich in der Verwendung, aber in der bewährt exzellenten Verarbeitung. Für Hoof und seine Mitstreiter sind die "guten Dinge" ihres Sortiments deswegen so gut, weil sie langlebig sind und reparierbar, zudem nach "hergebrachten" Herstellungstechniken gefertigt und jenseits aller Moden, Werkbund und Bauhaus erinnernd, "aus ihrer Funktion heraus materialgerecht gestaltet und daher schön".

Und eben so kommt der "16er" daher. Die 396 Seiten des knapp kiloschweren Hefts wirken seriös und unaufdringlich. Schwarze Schrift auf weißem Grund, farbig allein die Produktfotos. Auf ihnen stehen "die Dinge" für sich, dezent drapiert, statisch, ohne Gebrauchszusammenhang, ohne Benutzer. Kaum, dass eine Flasche aufgeschraubt, eine Leuchte eingeschaltet ist. Die Produkte scheinen jungfräulich, bereit, sich in den persönlichen Kontext des Betrachters zu fügen. Und zu Kultprodukten zu werden.

Ein erklärtes Ziel des Versandhändlers ist es, den Menschen ihre "guten alten Stücke" zurückzugeben und ihnen wieder ein "freundschaftliche Verhältnis" zu den Gegenständen des täglichen Gebrauchs zu verschaffen. Manufactum handelt mit Sehnsucht. Der Sehnsucht nach Klarheit im Geflimmer der Warenwelt. Nach einem beruhigenden ‚Früher’, nach der Zeit, als man noch wusste, was man hatte, wenn man etwas hatte. Nach bleibenden Werten. Nach Erbstücken. Wie der Zwilling Küchen-Allzweckschere (€ 57), dem OMAS MoMA Füllfederhalter (€ 315), dem schweren Rowenta-Bügeleisen E-5291 (€ 52).

Treue hat ihren Preis. Doch was man für ein Qualitätsprodukt bezahlt, so der Gedanke, ist schließlich eine Investition in eine gemeinsame Zukunft. Und letztlich in eine gemeinsame Geschichte. Die Wunder Personenwaage (€ 370) bringt gar eine solide herstellerische Vergangenheit mit in die Beziehung: "Seit 50 Jahren ist sie so und nicht anders". Damit hält man die Zeit an. Und man hält sich an ihr fest: so lange die Dinge da sind, ist man selbst da.

Natürlich sind Manufactum-Produkte auch brauchbar. In dieser Hinsicht gibt sich der Katalog selbstsicher. Aus der Beschreibung der Mechanischen Schreibmaschine Olympia SG 3N (€ 530): "Die Schreibmaschine ist ein Werkzeug zur redigierenden Niederschrift von Texten, die zuvor (gedanklich) konzipiert und (handschriftlich) skizziert und formuliert wurden. Dass die Textverarbeitung diesen ‚Dreisprung’ nicht mehr erzwingt, sondern stattdessen ein zielloses Flanieren zwischen den Idee und Formulierung nahelegt, ist an vielen, computerverfertigten Texten abzulesen". Diese Weisheit klingt so selbstgefällig wie einleuchtend. Und vermittelt ganz nebenbei das Gefühl, man könnte zum Original werden, wenn man das Original kauft.

Der zehnprozentige Journalistenrabatt auf die Maschine wirkt dann leicht kokett; ebenso die "mit selbstkritischem Akzent" geäußerte feierliche Ankündigung, auch die Manufactum-Katalogredaktion werde demnächst mit Olympias ausgestattet.

Denn hervorragende Schreibarbeit hat die Redaktion geleistet. Der Katalog wurde in der Vergangenheit, man kann es auf der Firmenhomepage www.manufactum.de nachlesen, als eine "Enzyklopädie des täglichen Lebens" bezeichnet. Wenn dies auch leicht übertrieben klingt, stimmt doch, dass von A wie Abfallbehälter bis Z wie Zylinderkopfnadel die Produkte nicht marktschreierisch angepriesen werden. Die Leser werden vielmehr auf unterhaltsame und sogar lehrreiche Weise mit den Waren bekannt gemacht.

Am Anfang der großen Kapitel (Küche und Lebensmittel, Wohnen, Büro, Körperpflege, Freizeit und Spiel usw.), aber auch immer wieder mittendrin stehen in Themenkästen Hintergrundinformationen zum Sortiment, werden Werkstoffe vorgestellt oder Arbeitstechniken erklärt: "Die unteren Leisten und der obere Zargenkranz sind so in die vier Stollen gezapft, daß die auf Gehrung aufeinandertreffen". Manufactum demonstriert Produktkompetenz. Und polemisiert nebenbei auf herzerfrischende Weise über den allgemeinen Qualitätsverfall, das Produktbanausentum oder die Geißel des schlechten Geschmacks, à la "von da an begann der ‚lange Weg in die Häßlichkeit’, an dessen Ende wir nun stehen".

Auch die Vorstellungen der einzelnen Produkte erzählen, in alter Rechtschreibung, mit einer Mischung aus Händlerstolz und Verkaufsgeschick von der Geschichte der Produkte und den traditionellen, "richtigen" Verarbeitungstechniken, zielen aber stets auch auf das Bauchgefühl der Kunden: Erst mit dem "ordentlichen Korkenzieher für unterwegs" (€ 16,50) werden die vorgeschlagenen Verwendungsszenarien "Sonnenuntergang am Strand" und "erste Gipfelbesteigung über 500m" voll erlebenswert.

Für alle "Angaben über die Abstammung und das natürliche Vorkommen, über die Herstellung, Eigenschaften und Verwendung der Waren", die der Manufactum-Katalog aus Platzgründen nicht geben kann, gibt es "Merck’s Warenlexikon", Nachdruck der Ausgabe von 1920. Der dem Versandhändler "schwesterlich verbundene" Verlag Manuscriptum gibt es heraus, ebenso wie ein umfangreiches Handbuch zur Haushaltsführung. Auf dass man lerne, die "guten Dinge" adäquat zum Einsatz zu bringen.

Aus der Auswahl des kleinen Verlags sticht, neben der politisch-philosophischen "Edition Sonderwege", Gustav Freytags "Soll und Haben" (€ 20) heraus. Die Integrität, den Fleiß und die Effizienz des deutschen Kaufmanns, die dieser Businessroman von 1885 hochlobt, erinnert an Thomas Hoof und seine Firma. An die ökonomisch und ökologisch integren Ziele des Versands. An die mit Fleiß gefertigten, hochfunktionalen Produkte, die er verkauft. Und daran, dass Manufactum sehr effizient auf der Haben-Seite steht.

Denn die "guten Dinge" haben eine lukrative Marktnische besetzt. Neben dem Versandhandel gibt es mittlerweile Manufactum-Ladengeschäfte in sieben deutschen Städten, in Waltrop, Hamburg, München, Düsseldorf, Aachen, Stuttgart und seit Februar 2004 auch in Berlin – im ehemaligen Gebäude der Buchhandlung Kiepert am Ernst-Reuter-Platz hat ein großes Manufactum-Warenhaus seine Pforten geöffnet und bietet ihm dazugehörigen Lebensmittelladen Brot nach Omas Rezept, Wurst und Käse wie beim Metzger in Italien, Antipasti, ausgesuchte Weinsorten und Rissoto an, eben alles, was der Dink so braucht.

Den Katalog können diese Kaufhallen aber nicht ersetzen. Wenn im nächsten Jahr der "17er" erscheint, werden die auf der "Olympia" getippten Produkterklärungen noch subtiler sein. Die Leser werden sich von ihrem neuen alten Freund noch einfacher entführen lassen. Sich blätternd zurückträumen in eine Zeit, in der noch nicht jedes kleinste Marktsegment erschlossen war. Zurück zu rotbäckigen Handwerkern. An Strände und auf Gipfel. Das wird sich richtig und gut anfühlen. Und dann werden die Leser den ausgedienten "16er" in den dänischen Papierkorb Bugholz (€ 85) legen.

Manufactum Warenkatalog Nr. 16, kostenlos zu beziehen unter www.manufactum.de.


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