|
|
|
|
|
"Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Zum Jubiläum im letzten Jahr wurde uns vom mittlerweile hundertjährigen Theodor W. Adorno das Bonmot überliefert, das wie kein zweites ein unlösbares Paradox fasst: Zwar ist angesichts der Heillosigkeit der entfremdeten Welt der Wunsch, endlich auszusteigen, der einzig richtige Reflex; aber ganz gleich was man auch tut – man kommt nicht raus, man bleibt drin, man bleibt den heillosen Zusammenhängen ein für allemal ausgeliefert. Denn wo alles falsch ist, kann es den richtigen Entwurf nicht mehr geben.
Tatsächlich scheinen alle Wege zugebaut und alle Utopien verbraucht.
Der Kommunismus ist tot. Die Ökobewegung riecht so maulig wie das Obst, das keiner kaufen will. In den indischen Meditationszentren werden Fußbälle von Kinderhänden für die Europameisterschaft in Portugal genäht. Nebenan gibt Buddha Kurse für Manager, Hermann Hesse assistiert. Greenpeace ist ein Weltkonzern, Attac ist ein Label für Pfadfindermode. In der Südsee landet TUI, im Dschungel trägt man Beckham-Look, und im Weltall haben die Astronauten Angst, von Satellitenschrott getroffen zu werden. Deine Wohngemeinschaft ist zerstritten. Der Mensch, den du liebst, bewirbt sich bei StarSearch. Und die Eltern haben deine Kinderzimmermöbel zum Sperrmüll gebracht.
Fahr nach Hause, schau ihn dir an, den Raum, in dem du groß geworden bist. Aus deiner Kindheit haben sie eine Abstellkammer für Bügelbrett und Bohrmaschine gemacht.
Wer könnte da nicht verzweifeln?
Der Medientheoretiker Jochen Hörisch tut es nicht. In einem wunderbaren Essay, den er Adornos Satz von der Unmöglichkeit des richtigen Lebens im falschen gewidmet hat, zeigt er den kleinen Ausweg in der großen Ausweglosigkeit. "Dass wir unabhängig davon, welche Richtungsentscheidung wir treffen, immer den falschen Weg einschlagen, kippt in eine eigentümliche Erregung und Ekstase um", schreibt Hörisch. "Wer bereut, was immer er auch tut, muss auf die Idee verfallen, dass es auch sinnvoll sein kann, das Bereuen zu bereuen. Und er kann sich dann seines ausweglosen Lebens freuen. No debate, no exit, no exitus, no exodus. But a beautiful life."
Hörisch diagnostiziert, dass sich in der gesamten Moderne – neben den großen Theorien der Apokalypse – eine "Kleinkunst des richtigen Lebens" etabliert hat, in der "pure Fragen der Lebensästhetik an die Stelle ethischer und (krypto-)religiöser Fragen wie der nach dem richtigen und gerechtfertigten Leben schlechthin getreten" sind.
Nachdem sich lit03.de in der ersten Ausgabe mit den Problemen der puren Lebensästhetik beschäftigt hat, geht es in lit04.de um die Fragen nach den Möglichkeiten, aus dem einen Leben auszusteigen, um in ein anderes zu gelangen.
Der große Ausstieg, der kleine Ausstieg, der gescheiterte und der gelungene, der geträumte und der verwirklichte Ausstieg, das Umsteigen, das Einsteigen und das Versteigen – nicht immer geht es um eine "Kleinkunst des richtigen Lebens". Manchmal geht es eben auch um die dramatischen Versuche, die eigene Haut zu retten oder sogar preiszugeben.
Und manchmal geht es um den Einstieg in den Abstieg: So berichtet Dorothea Fesels Reportage von einem Besuch beim Gründer einer Agentur, die philippinische Frauen an deutsche Männer vermittelt.
Steffen Martus spürt den Untoten in der Literatur der Gegenwart nach, die einfach nicht aussteigen wollen und als Gespenster durch die Bücher und die Zeitschriften geistern.
Im Interview berichtet eine Autorin, die als Fräuleinwunder gefeiert wurde, von ihren Plänen für einen Ausstieg aus dem Literaturbetrieb.
Bastian Winkler feiert einen fast Vergessenen als Visionär des narzisstischen Ausstiegs – ein Essay über den Philosophen Max Stirner und den "Ich-Star".
Felix Willeke hat sich auf die Suche nach den Mikronationen begeben, die niemand kennt und die gerade deshalb als letzte Orte für echte Aussteiger gelten dürfen.
Wiebke Eymess analysiert den Ausstiegskult der Fantasy-Fan-Gemeinde und empfiehlt ein Gegengift.
Maria Hecht fragt wie Promis schreibend mit dem Problem des drohenden Ausstiegs aus der Branche umgehen. Johannes Gernert liest das Drehbuch, das sich Michel Friedman schreiben wollte, um den Ausstieg als Abstieg so zu erzählen, dass das Umsteigen und Wiedereinsteigen problemlos funktioniert.
Mit dem Autor Michael Kumpfmüller, dem Experten für problematische Aussteiger (‚Hampels Fluchten’, ‚Durst’) waren Hanno Raichle und Martin Heidelberger unterwegs. Zwischen den Plattenbauten von Berlin Marzahn fragten sie ihn nach den Ausweglosigkeiten seiner Helden.
Feridun Zaimoglu war Inselschreiber auf Sylt – auf vier Fragen von lit04.de zum Aussteigen hat er vier Antworten, klar und ohne Umstände wie immer.
Für die Snapshots haben sich sechs Autoren auf die Suche nach den Ausgängen im Alltag gemacht.
In lit.kritik geht es um Bücher über Unternehmer ohne Geld (Felix Willeke) und russische Selbstmörder (Kai Splittberger). Es geht um Frauen auf der Flucht (Lea Braun), um einen Cyborg im Rentenalter (Daniel Koch). Porträtiert wird Alexander Kluge (Florian Kessler), durchgeblättert wird der neue Manufactum-Katalog (Jan Oberländer) und empfohlen wird ein Comic aus der Abteilung CrossOver (Hanno Raichle).
Und wie jeden Monat gibt es auch diesmal in lit.folgen:
Post aus den USA von Jan Oberländer und Neues aus dem Fernschreiber aus Hildesheim und Berlin (Wiebke Eymess und Martin Heidelberger). Font-Kritiker Hanno Raichle empfiehlt eine neue Schriftart für den Bildschirm. Und natürlich sind die Regale vom Hypermarché von unseren freundlichen Mitarbeitern mit neuen Produkten gefüllt worden .
Und schließlich wird mit dieser Ausgabe das Weltarchiv der Aussteiger begründet, in das fortlaufend neue Namen und neue Geschichten eingespeist werden können. Denn: Soviel Ausstieg war nie.
Sollte das Lesen am Bildschirm zu lange dauern, können die Seiten einfach abgespeichert werden – oder man druckt sie aus, indem man den auf den entsprechenden Button klickt, der über jedem Artikel schwebt.
In der nächsten Ausgabe von lit04.de, die am 15. Oktober 2004 erscheint, begeben wir uns auf eine Reise durch die Provinz.
Bis dahin viel Spaß und viel Glück
beim Aussteigen, Umsteigen und Einsteigen.
Vorsicht, die Türen schließen.
lit04.de
|