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Ein Faible fürs Label.
Theaterlifestyle an der "Volksbühne": Antikapitalismus als Marketingkonzept.
von Maria Hecht
Wenn Rosa auf raues Grau trifft, hält man in Berlin meist eine Streichholzschachtel der Volksbühne in der Hand, eines von vielen kleinen Mitbringseln aus der dunklen Denk- und Spaßbastion am Rosa-Luxemburg-Platz.
Auf Symbolträger scheint man in der "Volksbühne" generell Wert zu legen: angefangen beim überdimensionalen OST-Emblem, das am Dach prangt, bis hin zu poppigen Aufklebern mit dem Rotwelsch-Rädchen, wahlweise in neongrün oder neonpink. Auf der Kehrseite des Souvenirs finden sich dann jedoch kritische Anmerkungen zur Gegenwart.
Etwa von Carl Hegemann, dem Chefdramaturgen und Mastermind der Volksbühne, zur "schweren Situation" der heutigen "denkenden Linken". Die Linke, sagt er, läuft auf der Suche nach "einer oppositionellen Position außerhalb des universellen Verwertungszusammenhangs" stets Gefahr, vom "ökonomischen Kalkül" ebenso geschluckt und recycelt zu werden. Das sollte man sich merken.
Für Unangepasste
In der sagenumwobenen Berliner Mitte muss ein Accessoire mehr als nur ein Werbeprodukt und ein Theater mehr als nur eine Bühne sein. Das Theater wird hier vielmehr zum Szenetreffpunkt, der alles bündelt, was das Alternativ-Vokabular zu bieten hat und zur Identifikation einlädt. Als "place to be" avanciert jeder Besuch in der Volksbühne zum hippen Statement mit pop-politischen Einsprengseln.
Bei der Volksbühne selbst trifft diese Haltung auf Gegenliebe. Sie pflegt den Anschein einer anarchistischen Grauzone, die ihrem Selbstbild nach ein "Patchwork der Minderheiten" kultiviert und getrost auf "Bildungsgänger und Komödiengeher" verzichten kann. Damit setzt sie sich vom Üblichen ab und sorgt für Abgrenzung bei gleichzeitiger Gruppenbildung.
Aber Theater findet nicht nur auf der Bühne statt. Auch außerhalb des Zuschauerraums werden virtuelle Wände eingerissen. Die Volksbühne versteht es, einen starren Theaterbegriff zu sprengen und das Haus mit zahlreichen Aktivitäten zu öffnen. Konzerte, Lesungen, Projekte und Vortragsreihen umgarnen das Publikum, so dass sich für jeden ein Event eine Nische finden lässt.
Hinter den unterschiedlichen Veranstaltungen linst jedoch auch immer ein Stück konzeptionelle Linie hervor: Mit kritischem Blick geht man den Konsequenzen einer Gesellschaft nach, die ausschließlich von ökonomischen Prozessen und Globalisierungswahn gesteuert wird. Und dies recht erfolgreich. Denn wer sich etwas traut und aufbegehrt, gilt als rebellisch und subversiv.
Damit kann man begeistern - vorrangig die anvisierte Zielgruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die kaufkräftigen Hauptadressaten der Werbeindustrie. Aber: Reichen antikapitalistische Postulate wirklich, um vor den Zeichen der Zeit gefeit zu sein? Macht sich die Volksbühne nicht schlicht und ergreifend den Mainstream des Anders-Seins marketingstrategisch zu Nutze?
Eine Produktionsstätte für Skandalinszenierungen
"Provokation aus Prinzip" nennt Robin Detje seine Biografie über den Intendanten der Volksbühne, Frank Castorf. Ein Slogan, der nicht nur die Triebfeder seiner Theaterarbeit benennt. Denn diese Haltung des "grundsätzlichen Dagegen" ist es, die ihn mit seinem Publikum vereint.
Seit über 10 Jahren verwaltet Frank Castorf das Haus und damit auch eine riesige Produktionsstätte für Skandalinszenierungen. Er hat sich und einigen anderen unkonventionellen Theatermachern wie dem ruhelosen Krawall-Spezialisten Christoph Schlingensief und dem Schnellsprech-Erfinder René Pollesch zum internationalen Durchbruch verholfen; er hat durch den Einsatz neuer Medien die Theaterästhetik renoviert; und er hat sich zahlreiche Liebhaber gezüchtet.
Seitdem hat das Publikum das Bedürfnis, sich - gern auch in Überlänge - mit schwerverdaulichen Themen auseinanderzusetzen.
Multimedia-Produktionen hin und her, die Freiwilligkeit des Zuschauens lässt sich letztlich auf ein tradiertes Provokationsrezept zurückführen: Neben Aktualitätsfußnoten und extravaganten Schauspielern mit Kultstatus befördert ein Gemisch aus Ernsthaftigkeit und Slapstick die Elektrisierung des Zuschauers. Das garantiert Lacher und zementiert den zynischen Blick auf das Bühnengeschehen.
Auf einen Nenner gebracht heißt Volksbühne sehen, sich anbrüllen, irritieren und schocken zu lassen - kurz: etwas aushalten zu können. Als Zuschauer der Volksbühne zeigt man Haltung, egal was kommt. Einprägung des Volksbühnen-Lifestyle bedeutet, Engagement mit Distanz zu verbinden, Einmischung mit souveräner Gelassenheit.
Und Castorf macht es vor:
Seine Inszenierungen sind ohne das trennende Instrumentarium von Kamera und Leinwand gar nicht mehr zu denken, so dass große Haltungen aus der Ferne zur Pose verkommen. Die Volksbühne entfaltet eine "Ästhetik der Existenz", wie Wilhelm Schmid sie kürzlich im Anschluss an Michel Foucaults Studien zur "Selbstsorge" beschrieben hat: Es geht um die "reflektierte Kunst einer als Machtspiel wahrgenommenen Freiheit". Das Ethos okkupiert die Ethik, Moral und Politik werden zu Elementen des Volksbühnen-Lifestyle.
Bitte zugreifen!
Das erfolgreiche Marketingkonzept der Kapitalismuskritik setzt Trendpotentiale frei. Die Volksbühne lässt sich als Ausläufer einer kritischen und politischen Popkultur gut vermarkten, etwa mit der berühmten Publikationsreihe "Kapitalismus & Depression".
Und damit die Nachfrage nach subkulturellen Accessoires keinen Abbruch erleidet, hat man bereits expandiert. Dem Filmlabel "volksbühne films", dass erst kürzlich eine DVD zu Herbert Fritschs "hamlet_X"-Projekt auf den Markt brachte, folgte 2002 das Plattenlabel "volksbühne recordings".
Unter der Leitung des ehemaligen Spex-Chefredakteurs Christoph Gurk sollen die musikalischen Aktivitäten der Volksbühne und der Umgang mit westlicher Kultur dokumentiert werden. Eine Kostprobe davon gibt die limitierte Vinyl-EP "lux ooo". Auf ihr findet sich eine Auswahl von Musik-Acts wie Goldfrapp und Nick Cave, die vor zwei Jahren bei der "stummute"-Nacht in der Volksbühne aufgenommen wurden.
Doch damit nicht genug. Denn geplant ist zudem ein Sampler aus Aufführungstexten und Lesungen. Derweil funktioniert das Volksbühnen-Logo auch ganz ohne teuren Inhalt: Unter dem Motto "Vereinheitlichung bei gleichzeitiger Individualisierung" veranstaltete das Haus eine große Aufbügelaktion, in der jeder seinen Klamotten das Rotwelsch-Rad aufdrücken lassen konnte.
Theater ist Arbeit und Bühne ist Business
Auch wenn sich die Volksbühne selbst lieber in der bescheidenen Rolle eines "hundsgewöhnlichen Stadttheaters" sehen würde, das ganz autark seinen "eigenen Maßstäben" folgt, lässt sich die Tendenz zur Selbstinszenierung des Hauses nicht verleugnen. Kein Einzelfall in der momentanen Erlebnisgesellschaft, in der es darum geht, dem Verlangen des Marktes nach Sättigung und Abdeckung durch möglichst viele Facetten gerecht zu werden.
So mutiert auch der Volksbühnen-Kosmos zunehmend zu einem hypermodernen Medienkonzern, der sich in eine Atmosphäre aus spartanischer Genügsamkeit und Klubhausgeselligkeit hüllt. Die einstige Antrittslosung, die Transformation des politischen Ostens noch weit nach der Wende zu thematisieren, scheint geglückt, wenn auch auf einem anderen Level. Befreit vom erklärungsbedürftigen Vergangenheitsballast fungiert die DDR als ästhetische Kategorie, als Markenzeichen der Volksbühne, das sich zumindest layouttechnisch allen westlichen Gesetzmäßigkeiten verweigert. Die DDR ist schick und konsumierbar geworden und so lässt sich ganz nebenbei ein Stück Lebenskultur musealisieren.
Aus dieser Leichtigkeit entspringt dann auch die einheitliche Gestaltung der Volksbühnen-Besetzungszettelchen und beliebten Give-aways, die zu Anfang der 90er Jahre noch aus originalem DDR-Altpapiersammelgut gestanzt wurden. Das Ensemble hat sie in den Umbruchtagen der Wende vor der endgültigen Vernichtung gerettet.
Kapitalismuskritik im Ostalgiemäntelchen
Es geht nicht ohne Vermarktungsapparat. Auch die Volksbühne rotiert nur nach seinen Regeln: Für die Verbreitung ihrer Botschaften braucht sie ökonomische Mittel. Nur so bleibt das gegenwartskritische Theater im Gespräch und schreibt schwarze Zahlen. Demnach besteht kein Widerspruch von kritischer Theorie und affirmativer Praxis. Das clevere Konzept belegt vielmehr, dass antikapitalistische Systemkritik selbst nur ein Teil des Marktes ist. Wie Hegemann schon ganz richtig postuliert, es gibt "kein Aussen mehr". Auch für die Volksbühne nicht.
Dabei läge es gerade beim intellektuellen Hintergrund des Hauses nahe, diese Synergien für das eigene Wirtschaften transparent zu machen und zu diskutieren, um künftig glaubhaftere Töne zu treffen, wenn "den Verhältnissen die eigene Melodie" vorgespielt werden soll. Der Bestimmungsort der Kunst ist jedenfalls für einen Moment ganz klar und eingängig, wenn sie es schafft, dieses Paradox zu leben und spürbar zu machen.
Schade eben nur, dass der knallfarbige Aufkleber in seiner Funktion als Aufkleber bloß das flotte Label verewigt und sich zwangsläufig vom beachtenswerten Rückseitentext lösen muss.
www.volksbuehne-berlin.de
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Maria Hecht
, © lit03.de, 2003
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