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(23:21 Uhr) Wie dumm es ist und wie gefährlich, auf einer Lesung nicht aufmerksam zu sein. Schnell ist die Pointe vorüber, der Höhepunkt ist weg. Vielleicht der einzige im Ganzen überhaupt. Es könnten auch Regungen sein, die man verpasst, leichte Eruptionen, das kleine Zittern der Körper im Publikum beim Gähnen. Hier und da, im Halbschlaf schon, der Wunsch nach Gefühl, nach dem Dämmern, dem Dösen, dem Schlummern, und endlich, endlich dem Träumen von einer Literatur, die einen wegbewegt. Weit, weit weg.

Im Alptraum dann das Schlimmste: dass sich nach und nach die Hörer fortgeschlichen haben, und man selbst hat nichts gemerkt davon, weil man die Sterne in der Ferne so lange fixiert, dass man, wieder bei Bewusstsein, alleine in den Stuhlreihen sitzt. Die anderen haben den Saal durch den Notausgang verlassen, die Ratten zuerst, dann Frauen und Kinder, ein paar Männer zuletzt, einer nach dem andern und bitte Ruhe bewahren, die Rettungsboote rudern in aller Ruhe raus auf den See.

Man selbst bleibt zurück, von der intellektuellen Mannschaft der Letzte, der mit dem lecken Boot jetzt untergeht. Vorne auf der Brücke spielt der Autor als Kapelle aus seinem neuesten Roman eine schräge Melodie. Das geht wirklich in die Tiefe. Immer tiefer nach unten. 20.000 Meilen unter dem Meer. Jules Verne. Das hätte ich noch lesen können, denkt der, der jetzt auf den Grund von allem sinkt und ertrinkt. Wenn ich nur aufgepasst hätte. Wenn ich nur aufmerksam gewesen wäre. Und dann läuft noch mal das ganze Leben an einem vorbei, an dessen Ende man auf einer Lesung sitzt, im Halbschlaf schon, im Dämmern, im Dösen, im Schlummern, und endlich, endlich mitten im Träumen von einer Literatur, die einen wegbewegt. Weit, weit weg.

lit03-Redaktion , © lit03.de, 2003