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Man trägt Buch.
Lose Notizen zu einer Geschichte des Nicht-Lesens.
von Stephan Porombka
1. Das Praktische an Büchern ist, dass man sie relativ einfach tragen kann. Weniger praktisch ist dagegen, sie zu konsumieren. Lesen ist tendenziell anstrengend. Und es braucht Zeit. Tröstlich ist allein, dass man sich der Leselast, die man sich mit Büchern zuweilen aufbürdet, schnell wieder entledigen kann. Zum Beispiel so: Man behält das Buch, aber man liest es einfach nicht.
2. Dass die meisten Bücher, die über die Ladentheken gehen, im besten Fall nur angelesen werden, ist so bekannt, dass es verwundert, warum es zwar die Geschichte des Lesens gibt, die Geschichte des Nicht-Lesens von Büchern aber immer noch nicht geschrieben ist. Dabei müsste man gerade für ein solches Buch viel mehr Käufer finden. Auch wenn die es nicht lesen würden. Oder nur die ersten zwanzig Seiten.
3. Die Geschichte des Nicht-Lesens beginnt, wo Bücher zu modischen Objekten werden. Also im 18. Jahrhundert. Weil das "tintenkleksende Sekulum" so viel schreibt und druckt und vertreibt, dass man unmöglich alles lesen kann, stellt man sich zum ersten Mal die großen literarischen Stilfragen: Welches Buch passt zu meinem Typ? Womit kann ich mich beim Lesen sehen lassen? Was und wer ist in? Und was und wer ist out? Die Bibel, bis dahin ein Verkaufsschlager, fällt bei der Beantwortung dieser Fragen schnell aus allen Listen raus. Sie wird lange brauchen, bis sie so out ist, dass sie schon wieder in ist.
4. Das Buch wird seither gern als Accessoire getragen. In den Romanen der Zeit gehen Helden so selten ohne Buch aus dem Haus wie Frauen heute ohne Handtasche. Immer ist es pathetische Attrappe, ästhetisches Zeichen, über das das Welt- und Selbstverhalten der Protagonisten blitzartig evoziert werden kann. Wer ein Buch unter dem Arm trägt, legt ein umfassendes Bekenntnis ab. Mit einem Buch sieht man aus wie ein Leser. Und wer wie ein Leser aussieht, hat Teil an einer Aura, die mit Attributen von "gebildet", "gelehrt" und "belesen" bis "eigenwillig", "verträumt" und "weltfremd" beschrieben wird. Mit dieser Skala wird das Buch zum begehrten Objekt, das für die Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft einsteht - und zugleich für den weichen Entzug des Lesenden von ihren zweckrationalen Sogkräften. Wer die Langeweile eben so meidet wie die Arbeit, findet schnell zum Buch. Das Erfolgskonzept, entwickelt für das lukrative Marktsegment zwischen Adelskultur und protestantischer Ethik, kann wohl kaum treffender formuliert werden.
5. Deshalb kann nur, wer sich von der absurden Idee freimacht, dass Bücher gelesen werden, auch ihre Erfolgsgeschichte verstehen. Was sie sind, versteht man nicht über ihren Inhalt. Man muss sie von außen betrachten.
6. Wer Menschen kennt, die eine so genannte Bücherwand zuhause haben, weiß das. Eine Bücherwand ist auch erst interessant, seit der Buchmarkt weit über die Nachfrage hinaus das produziert, was gemeinhin Bücherflut genannt wird. Mit den laufenden Metern zeigt ihr Besitzer, dass er, zumindest was den Einkauf betrifft, ein Stück weit mit den rasanten Steigerungsraten mithalten kann. Jedenfalls liegt auf der Hand, dass er keinesfalls alles, was er besitzt, gelesen hat. Dass er die Masse an Büchern aber ausstellt, um Besucher mit Belesenheit zu beeindrucken, auch. Umberto Eco hat behauptet, man müsse keinesfalls alle Bücher der eigenen Bibliothek gelesen haben. Ab und zu eins in die Hand nehmen und blättern, das reiche, um irgendwann zu wissen, was drin steht. Das klingt verführerisch. Aber es darf nicht schwerwiegender eingeschätzt werden als die Idee, dass Rauchen frei und Parfumtragen anziehend macht. Immerhin wissen Marketing-Strategen um den wahren Kern, nämlich dass man sich mit einer Zigarette in der Hand freier und mit Parfum auf der Haut anziehender fühlen kann. So wie man sich (und anderen) mit mehr als tausend Büchern zuhause entscheidend belesener vorkommt. Jedes Buch stützt das Selbstbild. Jeder Regalmeter zäunt den Lebensstil ein. "Wohnen mit Büchern" und - interessant variiert - "Mit Büchern wohnen" heißen die im Buchhandel erhältlichen großformatigen und bildlastigen Einrichtungsratgeber, aus denen man deshalb Wesentlicheres zum Thema Buch lernen kann, als aus wissenschaftlichen Abhandlungen über Privatgelehrte, über Lesewütige und über Bücherwandbesitzer. Man muss nur genau hinschauen. Und zwar von außen.
7. Für die Geschichte des Nicht-Lesens wären aber auch die Bildbände "Das Tragen von Büchern" und - entsprechend variiert - "Bücher tragen" anzulesen und durchzublättern. Allerdings sind die ebenfalls noch nicht geschrieben. Man könnte auch hier schon aus den Romanen des 18. Jahrhunderts lernen, wie man Bücher tragen muss. Gut sichtbar, aber ohne sie dem Betrachter aufzudrängen. Es muss aussehen, als trage man das Buch nur für sich. Unter dem Arm. In der angewinkelten Hand, schlenkernd beim Gehen. In der Rocktasche, außen, so dass nur der Buchkopf rausschaut. Heute auch hinten in der Hosentasche, die aber selten groß genug ist. Erst die weiten Hiphop-Hosen erlauben es, auch größere Bände am verlängerten Rücken zu tragen. Hiphop-Hosen-Träger machen allerdings ebenso selten Gebrauch davon, wie Bücherträger Gebrauch von Hiphop-Hosen machen. Denn wenn sie es tun, sinkt in beiden Fällen das, was man unter Hiphop-Hosen-Trägern Street Credibility und unter Bücherträgern Bewunderung nennt. Es sinkt so tief wie die Hose. Manchmal bis in die Kniekehle.
8. Den Schreiber der Geschichte des Nicht-Lesens von Büchern bringt dieses Phänomen darauf, dass auch die Geschichte des Zusammenhangs von Büchern und Kleidung immer noch schmerzliches Desiderat ist. Den Mangel an kultureller Anerkennung des Buches kann man vielleicht daran messen, dass es zwar alle möglichen Formen von Regalen gibt. Aber alle möglichen Formen von Kleidungsstücken, in denen man Bücher derart bei sich tragen kann, dass sie gut zur Geltung kommen, gibt es nicht. Das Buch muss sich nach wie vor der Kleidung anpassen, nicht umgekehrt. Die Erfindung des Taschenbuchs, lange Zeit nur unzureichend unter rein ökonomischen Gesichtspunkten interpretiert oder unter dem Aspekt der Volksbildung gesehen, ist so zu verstehen. Es steht in der Tradition der Duodezformate, die vor zweihundertfünfzig Jahren die großen Folianten abgelöst und überhaupt erst so etwas wie eine literarische Öffentlichkeit ermöglicht haben. Diese Entstehung von der Ökonomie her zu begreifen, ist falsch, weil es ja beim Büchertragen nicht um Geld geht. Und mit Volksbildung hat es nur sehr wenig zu tun, weil man davon ausgehen müsste, dass die Bücher auch gelesen werden. Da man aber genau das nicht tun darf, lohnt sich der Zugang über Büchermode und Modebücher allemal mehr.
9. Bücher sehen nicht mehr aus wie Bücher, hat Theodor W. Adorno anlässlich eines Gangs über die Buchmesse geklagt. "Die Anpassung an das, was man zu Recht oder Unrecht für die Bedürfnisse der Konsumenten hält, hat ihre Erscheinung verändert. Bucheinbände sind, international, zur Reklame für das Buch geworden." Recht hat Adorno. Aber warum, muss man fragen, sollen die Bucheinbände es erst geworden sein? Sie sind es gewesen, seit sie als modische Objekte gehandelt werden - also, noch einmal, seit dem 18. Jahrhundert. Seitdem will man sich mit Büchern zeigen, um für sich als lesendes Wesen zu werben. Deshalb müssen sie zur Kleidung passen. Das lässt eine ganze Einkleidungsindustrie für das Buch entstehen, die im 18. Jahrhundert hauptsächlich noch auf den Einheitslook setzen muss und die sich im 19. Jahrhundert zunehmend ausdifferenziert und Luxusausgaben mit Goldschnitt und Ornament genauso produziert wie den schlichten Einband. Neue Produktionsmöglichkeiten des Buches in Zeiten seiner technischen Variierbarkeit lassen im 20. Jahrhundert aber die Erscheinungsvielfalt explodieren. Jetzt wird es bunt. Manchmal schreit es. "Das Buch macht sich an den Leser heran", schreibt Adorno. "Manchmal genügt Übertreibung der Formate, auftrumpfend wie disproportional breite Autos, oder die Plakatwirkung allzu intensiver und auffälliger Farben; ein Unwägbares, dem Begriff sich Entziehendes, eine Gestaltqualität, durch welche die Bücher, indem sie sich als up to date als Dienst am Kunden empfehlen, ihr Büchertum wie etwas Rückständiges und Altmodisches abzuschütteln suchen."
Aber, so muss man ergänzen, wenn man es nicht kritisch zuspitzen will: Mit den Übertreibungen im Design kommt zugleich der Trend zum Buch-Buch zurück, das ganz und gar nur Buch sein will. Die Reclambände leisten in dieser Hinsicht Großes bis heute. Nur lässt sich ihr hartes Gelb nicht gut zu jeder Kleidung tragen. Im Gegensatz zum früheren pappigen Braunton, mit dem die deutschen Soldaten auch beim Lesen von Faust zwei so gut getarnt waren, dass sie es einmal fast bis Paris und Dakar, das andere mal beinahe bis Moskau geschafft hätten. Wenn Kriege Mode sind, auch diese Erkenntnis gehört in die Geschichte des Nicht-Lesens, ist die Farbe der Bücher besonders wichtig. Von Friedenszeiten ganz zu schweigen. Suhrkamps Wissenschaftsreihe hat mit dem frei kombinierbaren Schwarz Passendes für eine Zeit entworfen, in der die Leser aus dem Schatten der Vergangenheit nicht heraustreten konnten. Unübertroffen aber auch - neben der bibliothek suhrkamp in eher dezenten Tönen - die edition, mit der sich der Verlag zum Programm gemacht hat, alle möglichen Farben zu allen ausgefallenen Kleiderordnungen der Nachgeborenen lieferbar zu halten. Im Regal formen sie sich zum Regenbogen, als Einzelstücke aber lassen sie sich zu allem gut tragen. Mit tragischen Ausnahmen. Ulrich Becks Risikogesellschaft macht Schwierigkeiten in giftigem Grün. Und auch mit dem Orange der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas kann man nicht gut ausgehen. Was aber ganz in Adornos Sinn wäre. Dessen Bücher stehen dem Träger übrigens immer gut. Zumindest zu Gesicht.
10. Achtzig Prozent aller Entscheidungen, ein Buch zu kaufen, werden im Buchladen getroffen. Wer Modetrends entdecken und das richtige Buch zu seinem Typ finden will, ist hier richtig. Den virtuellen Buchläden im Internet macht das zu schaffen. Sie haben das Schaufenster nicht, in dem wie in Kleidungsläden die Objekte ihre Tragfähigkeit preisen. Auch fällt der schnelle Einkauf aus - die Buchmitnahme, etwa wenn man abends ausgeht und noch nichts Passendes dabei hat. Im Buchladen kann man wählen. Man kann sich beraten lassen. Und man wird, was nicht unwichtig ist, beim Kauf gesehen. Bei virtuellen Buchläden bestellt man unbeobachtet von zuhause aus, und die Bücher werden nach Hause geliefert, meist in braunen Päckchen, deren Herkunft und Inhalt der Nachbar nicht erkennt, der sie vom Boten entgegennimmt. Dass die digitalen Hypertexte, die nur auf dem Bildschirm erscheinen, eben dieses Problem haben, hat man längst gemerkt. Mit ihnen lässt sich kein Geld verdienen.
11.
Modisch waren sie nur, so lange man noch nicht gemerkt hat, dass sie zu keiner Mode passen. Daran knüpft sich auch die Hoffnung des Buches, das Zeitalter des Internet zu überleben. Vermutet wurde, aufs Buch ließe sich nicht verzichten, weil man es, im Gegensatz zum virtuellen Text, in der Badewanne lesen kann. Das ist Unsinn. Wer braucht schon ein Buch in der Badewanne, wo man von niemandem gesehen wird? Nein. Der Autor der Geschichte des Nicht-Lesens weiß: Das Buch wird eine Zukunft haben, weil man allein das Buch nicht lesen muss und doch mit ihm zeigen kann, dass man ein Leser ist. Auch das ist das Praktische an Büchern, das in einer Geschichte des Nicht-Lesens von Büchern immer wieder herauszustellen wäre. Wenn sie mal geschrieben wird. Und nicht gelesen.
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Stephan Porombka
, © lit03.de, 2003
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