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Jens Bisky, geb. 1966, studierte an der Humboldt-Universität Deutsche Literatur und Kulturwissen-schaften. 1999 promovierte er mit einer Studie zu Beschreibungen von Architektur der Goethezeit. Seit 2001 ist er Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und betreut dort den Sachbuchteil.



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"Wer etwas zu sagen hat und halbwegs klar im Kopf ist, der kann auch gut schreiben".

Interview mit Jens Bisky über das Sich-Kurzfassen, Journalismus als Lifestyle und die Zeitungskrise.

von Jan Oberländer und Steffen Martus

Herr Bisky, Sie haben sich bewusst gegen die Universität, also gegen eine akademische Laufbahn, und für den Journalismus entschieden. Warum?

Das war zu 95 % eine persönliche Entscheidung. Wenn man über 30 ist, muss man schließlich wissen, was man kann und was zu einem passt, und ich fand, dass der Journalismus besser zu mir passt - oder dass ich da besser hinpasse. Zeitungen sind, wie Kierkegaard irgendwann schrieb, ein Instrument zur Entsittlichung der Welt. Die Bedenkenlosigkeit, Schamlosigkeit im Journalismus bei gleichzeitiger Schätzung einer quecksilbrigen Intellektualität und einer verständlichen, gut zu lesenden Sprache hat mich stark angezogen nach den Jahren betonter Zurückhaltung und Gründlichkeit.

Was sind das für Leute, zu denen der Journalismus "passt"? Unterscheidet sich der Habitus des Journalisten von dem des Akademikers?

Das ist wohl sehr unterschiedlich. Ein Politikjournalist und ein Feuilletonist verstehen einander wahrscheinlich schlechter als ein Feuilletonist und ein Akademiker, der Literaturwissenschaft oder Kunstgeschichte betreibt. Im Unterschied zum Akademiker benötigt ein Journalist allerdings den unbedingten Willen zur Zeitgenossenschaft, was Beeindruckbarkeit einschließt und die Bereitschaft, sich grausam gründlich zu irren. Dann gehören Neugier dazu und eine gewisse Variabilität, was die Gegenstände betrifft. Es ist selbstverständlich unerlässlich, ein, zwei Spezialgebiete zu haben, aber man muss doch auch in der Lage sein, sich für Entferntes, Ungewohntes, Neues zu begeistern.

Woran erkennt man den Journalisten, woran den Akademiker?

Das Klischee besagt natürlich, dass der Journalist den besseren Anzug trägt, die chiceren Lokale kennt, dass er offener in die Runde grinst als der Akademiker, dass er aggressiver auftritt und viel mehr Leuten "Hallo" sagt. Dieses Klischee wird in der Realität ebenso oft widerlegt wie bestätigt. Als ich beim Feuilleton angefangen habe, konnte man sehr leicht einzelne Charaktere bestimmten Zeitungen zuordnen. Man sah sofort: Das ist ein FAZ-Redakteur, und der ist garantiert nicht bei der FAZ. Diese Eindeutigkeit hat sich in den vergangenen Jahren durch die ständigen Wechsel zwischen den Redaktionen der Zeitungen verflüchtigt. Selbst der FAZ-Journalist als Repräsentant von Abendland und deutschem Geist ist nicht mehr so einfach zu identifizieren.

Viele Literaturwissenschaftler tauchen in der Zeitung als Literatur- oder Sachbuchkritiker auf. Ist die Abteilung für Buchbesprechungen derjenige Teil der Zeitung, der dem Akademischen am nächsten steht?

Es ist neben der Theaterkritik der älteste Teil, und die leichteste Verbindung zwischen Feuilleton und akademischer Welt. Es gibt ein akademisches Rezensionsgewerbe, das eher ins Gutachterliche abgleitet, gerade auf den Sachbuchseiten der großen Zeitungen. Selbstverständlich will der Leser bei einem Sachbuch mit sehr speziellem Thema nicht allein wissen, ob es dem Rezensenten gefallen hat oder nicht. Meinungen sind in diesem wie in tausend anderen Fällen belanglos. Der Leser will wissen: Stimmt das denn? Ist das was Neues? Und wenn es dann um Ägyptologie geht, um Barockliteratur oder um Kunstgeschichte der frühen Neuzeit, braucht man Fachleute. Da gibt es gar nicht so viele, die dann auch noch schreiben können und vor allem schnell rezensieren. Und "Schreiben" meint hier nichts weiter, als sich auf zwei bis drei Seiten auszudrücken, und nicht davon auszugehen, dass man grenzenlos Zeit für Einleitung, Exkurse und abwägende Schlussfloskeln hat.

Nimmt man die Fähigkeit zu schreiben aus dem Studium mit, oder ist das ein angeborenes Talent?

Für eine Zeitung zu schreiben, ist wie Sport. Das muss man trainieren. An der Universität, und ich habe viele, viele gute Erinnerungen an die Universität, wird das allerdings überhaupt nicht trainiert. Wenn ich daran denke, wie oft man mir hat Referate in Länge von 40, 50 Minuten durchgehen lassen - eine Unverschämtheit gegenüber den anderen, die nicht weglaufen konnten. Im Rückblick wünsche ich mir, dass man mir gesagt hätte: Entweder du sagst uns in 15 Minuten, worum es geht, oder Du lässt es. Es muss natürlich Platz für längere Vorträge geben, aber in den meisten Seminaren ufert das aus. Und es wird viel zu wenig geschrieben, dabei merkt man erst beim Schreiben, wo die interessanten Punkte liegen und wo man Schwierigkeiten in der Argumentation hat. Das ist im Falle eines Zeitungsartikels genauso: Schreiben ist ein absolut ehrliches Geschäft: Wenn etwas gedanklich nicht klar ist, knirscht es irgendwo im Text, dann beginnen die Leerformeln sich einzustellen. Ansonsten gilt: Wer etwas zu sagen hat und halbwegs klar im Kopf ist, der kann auch gut schreiben.

Wie sind Sie zum Journalismus gekommen? Würden Sie diesen Weg als eine typische Journalistenlaufbahn sehen, auch in der jetzigen Situation?

Mein Weg zur Zeitung war vor allem von Glück geprägt. Ich war zur rechten Zeit im rechten Alter an der richtigen Stelle. 1996 hat man versucht, und das war damals außergewöhnlich in der deutschen Presselandschaft, die Berliner Zeitung populär und geschäftlich attraktiv zu machen, indem man das Niveau erhöhte. Das ist damals im Feuilleton durch ein paar FAZ-Flüchtlinge in Angriff genommen worden. Die haben mich zur Zeitung geholt. Der typische Weg heute läuft wie damals über persönliche Kontakte. Die stellen sich über Arbeitszusammenhänge her, etwa über Seminare zur Literaturkritik. Wenn ich solche Seminare gebe, dann finden sich auch immer zwei, drei Teilnehmer, von denen man sagt, die sollten für die Zeitung schreiben. Heute ist dieser Weg weitgehend verstellt. Es gibt viele sehr begabte, intelligente Leute, die vor vier Jahren sofort eine Pauschale oder eine Redakteursstelle bekommen hätten. Heute sind sie chancenlos und müssen versuchen, sich mit kleinen Beiträgen über Wasser zu halten. Eigentlich müsste man ihnen raten: Sucht euch was anderes. Ich glaube nicht, dass es in den nächsten zwei Jahren zu nennenswerten Einstellungen in den Feuilletons der großen Zeitungen kommen wird. Dieses Problem wird am Ende die Feuilletons unendlich langweilig machen. Da sind wir wieder beim Stil: Nach zwei Jahren wissen die Leser ungefähr, was einer denkt und zu sagen hat. Erstarrung und Routine sind, so glaube ich, zwei Hauptprobleme des Journalismus. Dagegen helfen nur junge Köpfe.

Was ist mit der "Zeitungskrise" gemeint? Handelt es sich bei Krise nur um eine Krise des Anzeigenmarktes, wie es gelegentlich heißt, oder doch auch um eine Krise des Journalismus?

Streng marxistisch gesprochen treffen sich da eine strukturelle und eine zyklischen Krise: Anzeigen werden in wachsendem Maße nur noch im Internet geschaltet, und der Wirtschaft, die Anzeigen schalten müsste, geht es momentan schlecht. Zeitungen werden ja nicht von dem Geld bezahlt, das die Leser für ein Exemplar am Kiosk ausgeben, sondern durch die Erlöse aus Anzeigen, vor allem aus Stellenanzeigen. Die SZ hatte in ihren Hochzeiten ungefähr 60 Seiten Stellenanzeigen; jetzt sind wir ungefähr bei 30 Seiten, wobei eine Seite weniger einige zehntausend Euro Einnahmenausfall bedeuten kann. Ich erschrecke jeden Sonnabend, wenn ich die Zeitung aus dem Briefkasten nehme, weil sie so dünn ist wie früher eine Montagszeitung. Ein weiteres Element der Krise besteht darin, dass in den 90er Jahren die Zeitungen gewaltig ausgebaut worden sind. Das Feuilleton der FAZ hat sich auf 12 Seiten erweitert, was dazu führte, dass irgendwann jeder greise Akademiker zum Schreiben getragen wurde. Dieser Ausbau ist abgebrochen und vorbei, jetzt wird überall zurückgefahren, man kann die Zeitung nur ordentlich finanzieren, indem man sie billiger produziert, denn ich glaube kaum, dass irgend jemand bereit ist, am Tag fünf oder sechs Euro für seine Zeitung zu bezahlen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Zeitungskrise und der ‚Lifestylisierung' der Zeitung, etwa in den "Stil"-Seiten der FAZ, der Wochenendbeilage der SZ oder dem "Leben" der ZEIT?

Die sogenannte Lifestylisierung, das Bunte, Leichte, Lockere ist immer ein Lieblingskind vieler Geschäftsführer, Herausgeber und Chefredakteure gewesen. Es existiert der Glaube, man erschließe dadurch neue Leser- und Käuferschichten, werde interessanter für die Öffentlichkeit. Das hat auch funktioniert. Wenn man auf das FAZ-Feuilleton schaut, weil es die Musterkarriere repräsentiert: Hier beginnt der Machtgewinn des Feuilletons mit der Besetzung politischer Themen, mit dem Historikerstreit etwa oder der Streit um Christa Wolf. Das führte dazu, dass das Feuilleton sich berufen fühlte, zu allen Themen eine Meinung zu haben und zu einer Zeitung in der Zeitung geworden ist. Die Lifestylisierung des FAZ-Feuilletons wiederum setzte damit ein, dass man Kurtzweil, Joy u.a. Untergangspropheten abdruckte oder dass man die Berliner Seiten aufbaute. Das hat der FAZ einen ungeheuren Imagegewinn gebracht. Fragen Sie einmal, wer einen Herausgeber der FAZ kennt. Wenn überhaupt, kennt man Frank Schirrmacher. Die Krise trifft die Lifestyleabteilungen aber genauso wie alle anderen. Das Literaturressort zeigt sich noch relativ krisenresistent. Es besetzt ungefähr die gleichen Plätze wie zuvor. Freilich, wenn hier Zeilenhonorare gekürzt werden, überlegen sich einige Leute, ob sie überhaupt noch Rezensionen schreiben und ob sie sich die Arbeit machen sollen. Dennoch ist der Literaturteil so etwas wie das Rückgrat des Feuilletons, und das Bewusstsein dafür gibt es noch. Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass all das sehr teuer ist, so wie alle überflüssigen Notwendigkeiten. Denken Sie nur an Theaterkritiken: Die großen Feuilletons versuchen immer noch, Premieren deutschlandweit zu besetzen, da fährt also einer hin, übernachtet dort usw. Am Ende hat man einen Text zwischen 100 und 200 Zeilen, der viel Geld gekostet hat und doch nur von einer kleinen, radikalen Minderheit gelesen wird.

Kann man sagen, dass sich das Design der Zeitungen immer mehr angleicht, wenn man z.B. an die Gestaltung der Berliner Zeitung und der Frankfurt Allgemeinen Sonntagszeitung denkt, die ja sogar vom selben Art-Director verantwortet werden? Sprechen Zeitungen durch ihren spezifischen Stil bestimmte kulturelle Milieus an? Oder reagiert man auf die Krise mit dem Versuch einer möglichst breiten Streuung?

Selbstverständlich sprechen Zeitungen bestimmte Milieus an, aber auch das hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwas verschliffen. Der klassische FAZ-Leser ist halt einer, der in der Mitte oder am oberen Ende der Hierarchie sitzt; die FAZ wird viel in Ministerien gelesen, bei so genannten Entscheidungsträgern in der Wirtschaft. Durch den Regierungswechsel hat sich da allerdings einiges geändert. Die SZ hat viele Leser an den Universitäten. Den ZEIT-Leser kennen wir ja alle - schlecht gekleidet, etwas altklug und sehr interessiert an der Welt (lacht). Aber man sieht z.B. an Berlin, dass es nicht immer funktioniert, wenn man sich einzelnen Milieus anzubiedern versucht. Die Berliner Zeitung hat versucht, Leserkreise im Westen zu erschließen und war damit eine Zeit lang sehr erfolgreich, hat ja auch wirklich ein gutes Layout. Aber irgendwann haben viele Leser gesagt, das ist uns zu ostig oder das ist uns zu kompliziert, zu unentschieden und da haben das Layout und die Ranschmeiße wenig genützt. Zeitungen sind wie Familienmitglieder. Man sucht sich halt genau aus, wer morgens mit am Frühstückstisch sitzen darf. Zugleich verlieren die Feuilletons an Unterscheidbarkeit. Das liegt zum einen an der Personalfluktuation: Die meisten waren inzwischen bei mehreren Zeitungen. Dann gibt es inzwischen auch im Internet die Seite "Perlentaucher.de", was dazu führt, das so etwas wie ein virtuelles Gesamtfeuilleton existiert, man nimmt die Arbeit der Kollegen dadurch rascher zur Kenntnis. Die größte Übereinstimmung werden Sie wieder bei den Literaturseiten finden. Hier werden, wie durch eine unsichtbare Hand gelenkt, immer dieselben Bücher besprechenswert gefunden.

Hat man hier in der Französischen Straße unterm Dach, im Hinterhaus über dem Hof des "Borchardt" Kontakt zu seinen Lesern? Gibt es Feedback?

Man schreibt wie im Raumschiff. Aber es gibt sehr viel Feedback. Als Rezensent schreibt man ja auf der einen Seite als Repräsentant einer allgemeinem Öffentlichkeit, die fragt: Was geht uns das an? Auf der anderen Seite schreibt man für ein hochspezialisiertes Publikum, für einen kleinen Kreis. Was die breite Leserschaft von den Artikeln hält, erfährt man nie. Aber so, wie der Betrieb strukturiert ist, und so klein, wie er ist, trifft man natürlich nahezu alle aus dem kleineren interessierten Kreis irgendwann einmal persönlich. Man trifft die Autoren, die man bespricht, man trifft auf Tagungen Akademiker, deren Bücher man mal rezensiert hat, man trifft die Universitätsleute, über deren Hochschulpolitik man schreibt, man trifft die Museumsleute, deren Ausstellungen man vorstellt. Bald schon wird man mit Handschlag oder einem Lächeln begrüßt und spürt auch Unzufriedenheit, Animositäten. Die Frage ist, wie ernst man das nehmen sollte. Ich denke, man sollte sich in jedem Fall als Vertreter einer allgemeine Leserschaft verstehen. Nur - wichtig für das Image und den Marktwert sind letztlich die kleineren, spezialisierten Kreise, weil die sich ausdrücken. Der Rest bleibt stumm.

Herr Bisky, wir bedanken uns für die vielen Worte.

(Die Fragen stellten Steffen Martus und Jan Oberländer).

Linktipps von Jens Bisky
www.perlentaucher.de - Das gesammelte deutsche Feuilleton.
www.kress.de - Medienbranchen-informationsdienst.
www.gutenberg2000.de - riesiges Literaturarchiv (für Zitate).
www.zvab.com - um mit Gewinn zu verarmen.
www.aldaily.com - der US-amerikanische "Perlentaucher".
www.nytimes.com - verschickt sehr spezialisierten Newsletter, z.B. nur über Filme oder nur über Theater.
… und die Websites aller Zeitungen!

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Steffen Martus und Jan Oberländer , © lit03.de, 2003