ICH und WIR und ÜBERHAUPT.

Der Lifestyle der Generation "Generation" - Illies, Hensel und Rusch auf der Suche nach sich und ihren Zeitgenossen.

von Frithjof Klepp

Das Piratenschiff von Playmobil. Das Sparwasser-Tor. Die Love Parade und der FDJ-Fahnenappell. Boris Beckers Sieg in Wimbledon. Kuba-Orangen. Kurze Stichworte. Treffende Schlagworte. Allgemeine Begriffe. All das scheint auszureichen, um Emotionen und Erinnerungen bei denen abzurufen, die heute um die dreißig sind. Dafür reicht ein Fingerschnippen. Ein Wort gibt tausend Assoziationen, ein Slogan aus der Werbung und ein Vers aus einem roten Kampflied rufen aus dem Nebel schwankende Gestalten herauf, die den Träumer auf den Königsweg in jenes Kinderland führen, das ein für allemal verloren schien. Für die Hypnose mag das reichen. Für den Beginn von einer Psychoanalyse auch. Aber genügen Stichworte, Schlagworte und allgemeine Begriffe, um eine Generation als Generation zu etablieren? Genügen Produktnamen, um eine gemeinsame Identität herzustellen? Ist Lifestyle schon das Leben an und für sich - oder das, was von ihm übrig bleibt? Komplexe Fragen. Doch gibt es Autoren, die mit einem ebenso emphatischen wie einfachen Ja antworten.

Drei Beispiele.

Zum Beispiel Jana Hensel, Claudia Rusch und Florian Illies. Hensels Zonenkinder aus dem letzten Büchersommer beschreibt ebenso wie Claudia Ruschs aktuelles Generationenbuch Meine freie deutsche Jugend ihre Sicht auf die untergegangene DDR und bestimmt von dort aus ihren Ort in der heutigen Bundesrepublik. Beide sind erfolgreich. Hensels Titel hat sich über viele Monate auf den vordersten Plätzen diverser Verkaufslisten gehalten; der erst vor kurzem auf den Markt gebrachte Titel von Claudia Rusch hat bereits in der zweiten Woche seines Erscheinens den kommerziellen Olymp der SpiegelBestsellerliste erreicht. Florian Illies verwandelt seinen vor drei Jahren erschienenen Erfolgstitels Generation Golf in einen Sequal. So erfolgreich war er mit dem ersten Titel, dass der Blessing Verlag dem einstigen Chef der längst eingestellten "Berliner Seiten" der FAZ eine Million Euro bezahlt hat, um ihn an sein Verlagshaus zu binden. Der rasante Aufstieg des Nachfolgers in der Spiegel-Bestsellerliste scheint dem ökonomischen Kalkül Recht zu geben.

Generation Golf - die Zweite

Florian Illies, Jahrgang 1971, setzt die Geschichte seiner Alters- und Leidensgenossen fort, die bei Erscheinen des ersten Bandes mit dem Höhepunkt der New-Economy-Hysterie schon ihren Zenit überschritten hatten. Da hatte der Abstieg schon begonnen. Das scheint sich tragischerweise auch aufs Design auszuwirken. Das Buch hat ein so miserables Layout, dass man schon von weitem erkennt: Mit der Generation Golf kann was nicht stimmen. Selbstbewusstsein und Sein passen so schlecht zueinander, dass nach Job und Geld nun auch noch der Geschmack fürs Outfit verloren geht. Macht man die Klappe hoch, um sich den Motor des Illies'schen Golf anzuschauen, dann sieht es nicht viel besser aus. Die Sprache ist dürftig, die Witze sind mindestens seit der Abiturzeit rostig, die Gedankengänge sind nicht gut geölt. Es ist mit Illies wie mit der Generation im Ganzen. Irgendwie funktioniert sie nicht.

Was ist passiert? Shit happened.

Große Katastrophen und schwere Krisen haben ihre Spuren auf den glatten Kindergesichtern von einst hinterlassen. Der 11. September und der Börsencrash haben dabei die nachdrücklichsten Sorgenfalten gezogen. Dazu kommt eine eigenartige Lähmung. Nicht nur bei Illies.

Was er bei sich und einer Handvoll Freunde im Spiegel sieht, wird bedenkenlos verallgemeinert. So konstatiert er gleich für eine gesamte Generation die Unfähigkeit zur Politisierung, auch und gerade nach dem 11. September, der "für unsere Generation bislang nur zur Verwirrung geführt, er hat uns nicht zum Neuanfang bewogen, er stiftet keine neue Identität. Nach dem 9. November ist das die zweite verpasste Chance. Doch ich befürchte, eine dritte bekommen wir nicht. "

Doch solch selbstmitleidiger Ton, solch eine Klage über den Rückzug ins Private ("Homing") wirkt nicht wirklich überzeugend. Illies mag sich selbst treffend beschreiben - Allgemeines aber trifft er nicht. Oder kamen die großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg II ohne Teilnehmer aus der "Generation Golf" aus? Auch die bei den Globalisierungsgegnern "attac" aktiven Mitglieder bewegen sich ausgerechnet in der Alterszone, die Illies entpolitisieren will.

So ernennt er sich zum Sprachrohr eines "Wir", das noch illusionärer ist als im ersten Golf-Band. Diesmal aber wirkt es nicht mal mehr unscharf. Es ist nur noch bequem.

Das Up-to-Date-Design der Generation entwickelt Illies aus den dunklen Wolken über der eigenen Stirn. Da ist die Spekulationsblase an den Aktienmärkten geplatzt, die einst so euphorisierten Unternehmer sind schwer depressiv, und die Medienleute, eigentlich nie um ein Wort verlegen, sind sprachlos. Doch ob dieser Weltausschnitt ausgerechnet den Blick einer ganzen Generation verdunkelt, ist zu bezweifeln. Denn für den Großteil der Dreißigjährigen haben sich diese Schicksale gefeuerter Medienredakteure und abgestürzter New-Economy-Millionäre vor allem in den Medien selbst abgespielt.

So wirksam und prägend, wie Illies sie beschwört, haben sich diese Minidramen nur im sehr begrenztem Soziotop einer ins Schlagwort verliebten Medienszene ereignet und im engsten Familienkreis. Wenn das verbrannte Geld der Mutter als Beispiel für gescheiterte Aktienspekulationen herhalten muss, dann geht es nun mal nicht um die Mutter der Nation oder um die Mutter einer Generation. Gemeint sein kann nur die Mutter von Illies. Dass er sie mit der Übermutter verwechselt, ist deshalb sein Problem, aber nicht das Problem all derer, die um 1970 herum geboren worden sind.

So dicht klebt Illies am eigenen Ich und am eigenen Jetzt, dass die Halbwertszeit von dem, was er zu sagen hat, äußerst begrenzt ist. Das Kapitel über den Hipnessfaktor einzelner Berliner Stadtteile ist deshalb ebenso uninteressant wie Illies' Angriff auf das doch längst etablierte Feindbild der 68er. Mit Analyse hat das so wenig zu tun, mit ganz persönlichen Regressionswünschen so viel, dass man beim Lesen schnell begreift, warum die Golf-Generation in Illies neuer Ausgabe nicht so richtig in Schwung kommt. Unter der Haube hat sie nämlich etwas, was nur so aussieht wie ein Motor. In Wahrheit sind es zusammen geschraubte Einzelteile, die Illies im eigenen Kinderzimmer gefunden hat.

Vielleicht hat die Mutter ihm einst Mut gemacht, als er sich auf dem Kinderzimmerboden noch die Knie durchscheuerte, dass alles, was er zusammenbaut ganz toll ist. Doch die Zeiten sind vorbei. Ein paar Stichworte, Slogans und Begriffe machen noch keinen Golf. Und eine Generation erst recht nicht. Die Produktionsreihe sollte eingestellt werden.

Lifestyle-Lifestyle - Hensels "östliche Integrationsliteratur"

Mit Jana Hensel, 1974 in Leipzig geboren, meldet sich, so scheint es, zum ersten Mal die Generation zu Wort, die noch in der DDR aufgewachsen und im vereinten Deutschland erwachsen geworden ist.

Gespenstisch aber ist: Die Stimme, die Hensel ihrer Generation geben will, ist längst bekannt. Sie klingt nach Illies. Dass Hensel den Lifestyle beschreibt, ist schon wieder Teil des Lifestyle, den Illies mit seinem Lifestyle-Buch schon ausgebeutet hat. Es ist ein Lifestyle-Lifestyle, sozusagen eine Jeans aus zweiter Hand, ein cooles Schweißband aus dem Westen, das hier als eigene Identität ausgegeben wird. Wenn Hensel ihre Kinder- und frühen Jugendjahre im noch existierenden DDR-Sozialismus der 80er Jahre beschreibt und wenn sie die Enttäuschungen und Schwierigkeiten im "real existierenden Kapitalismus" der BRD der 90er auflistet, dann benutzt auch sie das vereinnahmende "Wir", das gerade von vielen Ostdeutschen ihrer Altersgruppe vehement abgelehnt wird.

Vielleicht liegt es an der Orientierung am "Wir", dass das so klar gegliederte Buch (Kindheit, Heimat, Freundschaft etc.) für DDR-Kundige nur wenig Überraschungen bereithält. Doch den "Schlagwortkatalog der Ostbegriffe" hat Hensel ganz bewusst gewählt um, so sagt sie es selbst, "den Leuten meiner Generation, für die im Osten Geborenen die Möglichkeit zu geben, sich an ihre oft verschütteten eigenen Geschichten zu erinnern, sie wieder zu entdecken und nachzuempfinden".

Also auch hier: Stichworte, Slogans, Begriffe - Regression als Lifestyle, für alle anderen der Altersklasse verpflichtend gemacht. Da fahren Golf und Trabi auf selber Höhe. Nicht zuletzt, weil sie denselben Motor haben. Denn bei Hensel wirken die massenhaft gestreuten Markennamen von Ostprodukten und einige andere Beispiele des "Ostsprech" auch nur wie aus alten Zeitschriften der DDR zusammengesucht und zusammengeschraubt. "Diese greisenhaft kindliche Sprache" (Jens Bisky), die dabei den notwendigen Halt liefern soll, lässt es auch hier unter der Haube bedenklich klappern.

Jana Hensel hat in Interviews nach Erscheinen ihres Buches angemerkt, sie "denke viel intellektueller, als mein Buch geschrieben ist". Warum sie dann nicht den Versuch gewagt hat, ein differenzierteres und persönlicheres Buch zu schreiben, ist das offene Geheimnis des Marktes.
Warum die Autorin es obendrein noch eingesteht, ist die östliche Variante als Kehrseite des von Illies so feist vorgetragenen Selbstbewusstseins: der alte Minderwertigkeitskomplex aus den fünf neuen Bundesländern - "wir sehen nur dumm aus, aber eigentlich sind wir schlau." Man mag es nach Hensels Buch kaum noch glauben.

Claudia Ruschs freie deutsche Außenseiterjugend

Wie geht es dem Generationen-Sucher da anders, wenn er das beim S. Fischer Verlag erschienene schmale Bändchen von Claudia Rusch aufschlägt und nach kurzem Lesevergnügen wieder beiseite legt. Denn in dieser Individual-Geschichte eines Teils der DDR liest man keine, wie man im ersten Augenblick befürchtet, an den Erfolg von Hensels Zonenkindern angehängte Kopie. Die 1971 auf Rügen geborene Autorin schreibt als eine Außenseiterin, deren Eltern sich früh entschieden hatten, mit allen Konsequenzen in die Opposition zu gehen. Heute ist sie ihnen dankbar. Das Kind war es nicht. So wäre die Schülerin lieber "angepasster DDR-Durchschnitt" gewesen, statt zum "exklusiven Club der Unangepassten" gezählt zu werden und damit den Drangsalierungen des Systems ganz unmittelbar ausgesetzt zu sein. Wie die Welt sich dabei für ein Kind verdreht, davon erzählt Rusch. Zum Beispiel von ihrem Schulweg durch ein längeres Waldstück. Aus Angst vor Gespenstern - die ihr ganz real als Beschatter der Staatssicherheit folgen - beginnt sie, das längste Lied zu singen, das ihr gerade einfällt: ein militärisches Kampfstück mit 87 Strophen.

Ruschs kleine Geschichten kommen allerdings auch nicht ohne die Schlagworte aus, nicht ohne die Slogans und allgemeinen Begriffe, die wiedererkennt, wer in dieser Zeit erwachsen geworden ist. Aber ganz im Gegensatz zu Hensel und Illies begründen hier die ostspezifischen Wortkreationen und gesellschaftlichen Besonderheiten nicht ihr individuelles Handeln. Identität wird nicht durch Oberflächensymptome hergestellt. Gerade die Wendezeit 1989 schildert Rusch mit Erfahrungen, die sie in ihrem unmittelbaren gesellschaftlichen und familiären Umfeld gemacht hat. Wenn sich für sie erst hier das Bewusstsein einer Ost-Identität entwickelt und wenn sie dann in den 1990ern ihre Geschichte noch einmal durch die Augen der Staatssicherheit liest, dann nicht stellvertretend für eine ganze "Generation Mauerfall". Rusch buchstabiert auch hier einmal mehr ihre eigenen biographischen Verwicklungen aus, ohne alle anderen gleich mit zu verstricken.
Doch keine Frage. Es wäre nur peinlich, wollte man das Leid des Außenseiters gegen das schmerzlose Etabliertsein von Illies und Hensel ausspielen. Ruschs Buch ist nicht besser, weil es - statt vom kindlichen Markenspiel - vom Problem des Widerstands handelt. Was Rusch von Hensel und Illies unterscheidet, ist ihr Verzicht aufs Große und Ganze. Während Hensel und Illies in ihren kurzen Kapiteln und Geschichtchen immer ein vereinnahmendes und ein allgemeingültiges ‚Wir' im Blick haben, setzt Rusch selbstironisch auf das zerbrechliche ‚Ich'. Rusch entfaltet in ihrem Buch eine Sensibilität, die neben den persönlichen Erfahrungen Zeitgeschichte aufscheinen lässt. Daneben wirken die Bücher von Hensel und Illies auf bedrückende Weise, als wären sie von nostalgischen Spießern geschrieben.

Wer sich anmaßt, ein ‚Wir' zu benutzen und für eine Generation zu sprechen, so scheinen es die beiden zu beweisen, kann weder über sich noch über seine Generation gelungen schreiben. Beim ‚Wir' schreibt ‚Ich' nur über sich. Und tut dann so, als wüsste es das nicht.

Jana Hensel: Zonenkinder. Rowohlt Verlag Reinbek 2002. 172 Seiten, geb., 14,90 €

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Florian Illies: Generation Golf zwei. Blessing Verlag München 2003. 256 Seiten, geb., 16,90 €

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Claudia Rusch: Meine freie deutsche Jugend. S. Fischer Verlag Frankfurt/ Main 2003. 157 Seiten, geb., 14,90 €

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Frithjof Klepp , © lit03.de, 2003