Estilo de vida.

Anmerkungen zur Marke Márquez.

von Martin Heidelberger

Der ältere Herr auf der Fotografie scheint das Wesentliche im Herzen zu tragen. Aber er sieht auch ziemlich gut aus in seinem weißen Hemd. Die Haare sind von einem ehrwürdigen Grau berührt, und um seine Augen sind, vom vielen Sinnend-in-die-Sonne-Blinzeln, tiefe, freundliche Falten gezogen. Dieselbe Sonne wärmt mit ihrem weichen Licht sanft die Kolonialvilla im Hintergrund. Vermutlich wurde gerade eine Zigarre in dem Wissen ausgedrückt, dass es nicht die Letzte des Abends sein wird. In der Brusttasche schließlich der wichtigste Hinweis des Personenrätsels: ein Kugelschreiber von billiger Sorte.
Viele Deutsche lernen Spanisch, um dieses Bild, um die Worte dieses Mannes ganz verstehen zu können. Denn Gabriel García Márquez, wie wir ihn auf der Rückseite seines neuen Buches finden, scheint zu leben, um uns gleich davon zu erzählen, oder vielleicht, um es mit seinem Kugelschreiber aufzuschreiben.

Südamerika in Deutschland

Dass Márquez vorgibt, mit dem Rauchen aufgehört zu haben, stört den Lifestyle-Latino bei der Betrachtung dabei wenig. Vielmehr befindet er sich im Geiste bereits in einem Südamerika seiner Träume, das sich aus verschiedenen Versatzstücken in Form von Literatur, Filmen, Essen und Salsaparties zusammensetzt. Um diese Konstruktion seines Lebensgefühls geht es.
Seit Márquez 1982 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, ist viel passiert. Er ist berühmter und sicherlich auch reicher geworden. Die unauffälligsten deutschen Teenager haben plötzlich ihre Liebe für seine Sprache entdeckt und Ché Guevara ist endgültig zu einer Marke mutiert. Dabei werden Manu Chao, Gabo Márquez, der Bueno Vista Social Club und die Fashionstatements à la Flipflops heute so beliebig und oberflächlich durch alle gesellschaftlichen Schichten und Milieus hindurch zu kulturellen Konzepten kombiniert, dass am Schluss ein oft virtueller, ja zweifelhafter Blend wie Rigo herauskommt, der neue Lifestyle-Drink von Bacardi, der sicher weniger mit Karibik zu tun hat, als der Cuba-Libre auf einer Grillparty im Treptower Park.

Kulturspiegel Werbung

Die Werbestrategien für Produkte des Südamerika-Lebensart spiegeln eine allgemeine gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung wider: Die Werbung inszeniert Lifestyle-Visionen in einer Ballung von kulturellen Zeichen und Klischees. Niemand muss mehr besonders sensibel für den kulturellen Code sein, um zu verstehen worum es beim estilo de vida eigentlich geht. Der in der Werbung ausverkaufte Lifestyle hat keine eigene kulturelle Tiefe. Ähnlich wie hier eine Kultur in einem extrem verdichteten, global vermittelbaren und überall lesbaren Standard formatiert wird, geht es in der Alltagskultur und in der Literatur immer mehr um Komprimierung, Vermischung und um die Kompatibilität von Lebensstilen. Daran ändert auch nichts, dass ein bisschen Globalisierungskritik, Revolutionsromantik und ein kaum mehr als schemenhaftes Wissen um das Elend der Bevölkerung in Grosstadtslums dieses fernen Projektionsuniversums eine Komponente des modischen Lebensstils mit Eiswürfeln und Zitrone geworden sind.

Gabo als Lifestyle-Marke

In diesem imaginierten Südamerika ist Márquez ein populärer und mediengewandter Star, der seine Kultur und damit das Konzept eines Lebensstils global einer immer breiteren Masse zugänglich macht. Auch den Kontakt zur modischen Popkultur scheut er nicht, wie seine häufig und offen geäußerte Bewunderung für die kolumbianische Landsfrau Shakira, oder zahlreiche Auftritte in Lifestyle-Magazinen beweisen. Der Nobelpreisträger bezahlt in allen gesellschaftlichen Währungen mit einem kulturellen Kapital, dessen Wert die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften international für gültig erklärt hat. Eigentlich muss man deshalb auch gar nicht Spanisch sprechen können, ja man muss nicht einmal wirklich ein Buch von ihm gelesen haben, um ein bisschen von dem Gefühl dieses Lebensstils zu spüren, der um ihn zu schimmern scheint. Es reicht auch schon, sich seinen Namen oder, besser noch, den Titel eines Buches mit der Marke Márquez zu merken. Hier ist ein guter: "Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Erendira und ihrer herzlosen Großmutter". Man nimmt eine erste Nuance dieses ausschweifenden Geschmacks wahr, der heute in der Literatur wie ein populärer Standard wirkt. Alles was nicht ein wenig wie Márquez duftet ist, taugt nicht als Südamerika-Flavor, zumal in Deutschland.

Geschmackssache aus Südamerika

Gleichzeitig aber waren die Deutschen selten über einen Nobelpreisträger so gespalten, wie über diesen Kolumbianer und seine Erzählkunst. Während die einen sein farbenfrohes, lebendiges Erzählfeuerwerk bejubeln, und darin das südamerikanische Temperament zu erleben vermeinen, stoßen sich andere an seiner Popularität, seinen Star-Allüren und der beachtenswerten Sorglosigkeit, mit der Márquez Wahrheit und Dichtung auch in seinen journalistischen Texten behandelt und in seinen Texten zuweilen zu einer Genremischung aus Reportage und Fiktion vermengt. Auf diese Weise schreibt er seinen Lebensstil nieder. Und heraus kommt Kultur. Sagen die einen. Die überflüssigerweise gesammelten Abenteuer eines geltungsbedürftigen Gringos. Sagen die anderen. Die Perfektionierung seiner Technik erfolgte nun mit seiner in Deutschland im Jahre 2002 erschienenen, wohl etwa 1001 Anekdoten schweren Autobiografie. Ob diese umfangreichen Erinnerungen nun aber großartige Literatur und ein bedeutendes Zeitzeugnis oder einfach nur kolumbianischer Lifestyle für die U-Bahn Lektüre sind, ist heute eigentlich auch nicht wirklich relevant. Gelesen werden sie, und auch gekauft.

Globaler Kulturaustausch

In einer Zeit, in der feine Unterschiede absichtsvoll verwischt werden, wird es immer schwieriger, Geschmacksurteile zu verstehen. In einer Zeit, in der Gesellschaften in urbanen Kulturen multimedial agieren und global vernetzt sind, wird es immer schwieriger, Geschmack zu orten, identifizieren und zu verifizieren. Kaum scheinen die Zusammenhänge zwischen Geschmack und Milieu erkannt und beschrieben, da droht das ganze System schon wieder zu zerbrechen und einer neuen Ordnung Platz zu machen. Der Raum der Lebensstile ist in Bewegung, und die Akteure passen sich den neuen Gegebenheiten an. Scheinbar kann fast frei über die populären kulturellen Güter einer globalen und dezentralen Lifestyle-Tauschbörse verfügt werden, mit denen sich jeder seinen Kulturbeutel füllt. Noch 1979 schrieb Pierre Bourdieu in "Die feinen Unterschiede", dass der gesellschaftlich anerkannten Hierarchie der Künste, der Stile und Geschmäcker die gesellschaftliche Hierarchie der Konsumenten korrespondiere. Diese gesellschaftlich anerkannte Hierarchie des kulturellen Geschmacks scheint heute nicht mehr zu existieren. Die wichtigsten und einflussreichsten kulturellen Impulse der Zeit stammen vielmehr direkt von den Straßen der vernetzten urbanen Kulturen. Unten ist oben. Dies könnte als Wandlung zur globalen Kulturgemeinschaft verstanden werden. Dagegen spricht einiges. Die Praxis, aus den vernetzten Kulturen der Welt Lifestyle-Bausteine zu übernehmen, weicht zwar die Grenzen der gesellschaftlichen Milieus und Schichten auf, meist aber doch nur oberflächlich. Das ökonomische Kapital ist nach wie vor im Besitz einer kleinen Elite. Den ökonomisch unterprivilegierten Schichten geht es im Diskurs um Authentizität weiter ganz klar um die kulturelle Abgrenzung nach oben. Das Spiel mit den Bedeutungen und Lifestyle-Zitaten ist also ein eher bürgerliches Privileg, das Privileg einer Schicht, die sich gerne mit gefälligen Klischees zufrieden gibt.

Ein Autor schreibt den Lebensstil

Márquez als Autor hat sich schon immer frei aus dem Raum der Lebensstile bedient. Er hat zu jeder Zeit die gleiche offene Zuneigung und Nähe zu den populären Kulturen wie zur Literatur gezeigt. Als Autor und als Journalist hat er eigentlich immer dasselbe getan. Er hat über das geschrieben, was er am besten kennt, was er selbst ist: Südamerika - und zwar in verdichteten und dichten Beschreibungen, manchmal ohne Rücksicht auf Authentizität, aber in unheimlich bestechender Form. So wurde Gabriel García Márquez der weltweit kompatible und beliebte Kulturstar, der mit den neuen Möglichkeiten eines globalen Kulturtausches spielt. Wenn eine kulturelle Entwicklung unserer Zeit die Popularität des Wunsches nach Handlichkeit und Kompatibilität von Bausteinen aus Lebensstilen für den globalen, einfachen und massentauglichen Download ist, dann wird das nicht ohne Folgen bleiben. Einerseits werden die kulturellen Güter selbst - wie beispielsweise literarische Texte, aber auch der transportierte kulturellen Code - durch diese Entwicklung ihre Brillanz, kulturelle Komplexität und Vielfältigkeit verlieren. Andererseits werden Autoren wie Márquez sich in diesem Umfeld neu positionieren, um mit veränderten Mitteln kulturelle Authentizität zu finden und zu erfinden. Der Raum der Lebensstile ist in Bewegung geraten und der zweiten Teil von Márquez' erzähltem Leben wird wieder ein Bestseller. Schließlich steht sein Name drauf.

Gabriel Garcia-Márquez: Leben, um davon zu erzählen, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2002. 704 Seiten, geb., 24,90 €



Martin Heidelberger , © lit03.de, 2003