Webcheck: www.philotast.de
Der Philotast kommt klar.
von Felix Willeke
Schlicht tritt der Philotast auf. Nichtsdestoweniger mit einem großen Selbstbewusstsein: Der Mann im Logo der Website www.philotast.de scheint seinen Hut zu ziehen - vermutlich vor dem Anspruch, mit dem sich die Herausgeber Patrick J. Keßler und Nicole Traut aus Köln der Aufgabe stellen, ein "Kritisches Online-Magazin zu Gesellschaft, Kunst und Kultur" zu produzieren.
Der Philotast wirkt auf den ersten Blick eher wie ein auf den Computermonitor gebanntes Print-Magazin, verzichtet dabei jedoch in angenehmer Weise auf Spielereien und Farben, gibt sich aufs Wesentliche beschränkt und mit zeitungstypischen Spalten, durchgehend in schwarzweiß. Und: werbefrei. Links heißen hier Verknüpfungen, der obligatorische Button "home" ist hier mit "Foyer" betitelt. Passt doch auch.
Von Dekonstruktion und Diskurstheorie
Diese Reduzierung auf Inhalte und die Schlichtheit der Darstellung findet man auch bei den Keywords für die Suchmaschinen bestätigt - aufgeführt werden hier unter anderen "Dekonstruktion", "Strukturalismus" oder auch "Diskurstheorie". Es wird also hoch angesetzt. Konkreter wird der Philotast da schon bei seinen Hauptkategorien "Literatur", "Geistiges", "Künste". "Bühnen" und "Medien".
In der aktuellen Ausgabe VII/Januar-Juni 2003 (die übrigens immer noch als aktuelle Ausgabe im Netz steht) sind unter diesen Schlagworten Artikel zu lesen. Viele Artikel. Artikel zu der Frage "Steckt Sinn im Wahn oder Wahn im Sinn" und damit zum Leitthema "Wahn-Sinn". Der Punkt "Literatur" bietet Primärtexte aus Poesie und Prosa sowie aktuelle Rezensionen, unter "Geistiges" findet der Surfer Essays wie "Dekadenz und Postmoderne - ein Versuch zu A. Schnitzler und S. Kubrick" oder, etwas weniger hochtrabend, den sympathischen Artikel "KulturKommerz - ein Plädoyer für den traditionellen Buchhandel", in dem, man ahnt es schon, mit den fadenscheinigen Methoden großer Internetbuchhändler abgerechnet wird.
Der Punkt "Künste" wartet mit Artikeln zu Fotografen und Installationen auf, "Bühnen" präsentiert das Geschehen auf den verschiedensten dieser Art (leider allesamt in Bonn!) von "Warten auf Godot" bis hin zu "Der fliegende Holländer", während sich die Kategorie "Medien" intensiv mit verschiedensten Leinwandpremieren auseinandersetzt. Bemerkenswert differenziert werden die Kategorien abgerundet von sorgfältig ausgewählten Link-, pardon, Verknüpfungstipps, die sich in ihrer Kürze sehr wohltuend von ellenlangen Linklisten andere Websites abheben.
Manchmal hat man jedoch den Eindruck, dass sich die Herausgeber und die achtköpfige feste Redaktion mit ihren eigentlich weitläufigen Leitthemen (vor "Wahn-Sinn" waren dies z.B. "Tod", "Liebe" oder "Utopie") eher zu sehr einschränken, als dass sie sich einen angemessenen Rahmen für die Ausgabe setzen. So scheinen sich Texte wie "fuck the millennium. für bruce willis - wenn er endlich tot ist" eher auf Wahn als auf Sinn zu konzentrieren. Das klingt dann so skurril:
"[...] fickt custer charles manson fickt manson die monroe fickt gates sein kloniertes kleinkind[...]" - das hat der Philotast eigentlich gar nicht nötig.
Kommt er doch mit sonst schönen Texten zu anspruchsvollen Ansätzen in einem eleganten Gewand.
Der Mann im Logo der Website www.philotast.de scheint seinen Hut zu ziehen. Vermutlich vor dem Anspruch, dem sich Herausgeber und Redaktion stellen und auch weitestgehend gerecht werden.
http://www.philotast.de, Ausgabe VII, WAHN-SINN, Januar-Juni 2003.
Felix Willeke
, © lit03.de, 2003