Sterben und gestolperte Schönheit.

Der neue Gedichtband "Aller Ding" von Michael Lentz.

von Bastian Winkler

Lentz hat seine Meriten als Lautpoet verdient, mit dem performativ-oralen Ausloten des Lesesaals und mit der eigenen Physis im Sprechakt. Mit der "Muttersterben"-Prosa hat er weitere Ambitionen signalisiert. Da gab es dann auch den Bachmann-Preis zur Belohnung und endlich den Anschluss an die offiziellen Literaturzirkel. Unlängst ist im Fischer-Verlag sein neuer Gedichtband "Aller Ding" erschienen. Er kommt als slicke Hardcover-Ausgabe daher. Vertreter experimenteller Traditionen, die hier Pate stehen, können auf solche Ausgaben wohl noch post mortem lange warten.

Lentz erprobt "Haltungen und Tonfälle", wie es der Klappentext formuliert. In den 12 Kapiteln des Bandes finden sich anagrammatische und formale Exerzitien, manipulierte Text-Readymades und Einwort-Gedichte. Bedient werden klassische Themen wie die Liebe, und, zentral gerade im Anschluss an "Muttersterben", die Begegnung mit dem Tod. "möchte ich auch einmal / nur erinnern und / konstant im zeitfluss wittern sprechen / ohne rütteln ohne spreißfuß" heißt es in einem der Toten gewidmeten Gedicht programmatisch, das sich sogar, ganz ohne parodistische Absicht, ein wenig Hölderlin einverleibt. Es ist übrigens eines der wenigen, die sich die Ironie verbieten. Die Frage nach dem Tod hat Vorrang gegenüber der Frage nach der Möglichkeit von Sprache und Poesie. Und sie motiviert eigene Vorgehensweisen.

Wenn Lentz Reimformen oder volksliedhafte Strophen versucht, werden diese immer auch ad absurdum geführt, systematisch der Lächerlichkeit preisgegeben: auf "lethe" muss sich "grete" und "käthe" und "gräte" reimen. Im Kapitel "Formate und Formalerei" wird Sprachspielen à la konkreter Poesie nicht mehr abverlangt, als paradox zu sein. Lentz spielt das Verhältnis von graphischer Figur und Textsemantik im Piktogramm gegeneinander aus, nicht um materialer Erkenntnis willen, sondern um in ein "kosmisches gelächter" einzusteigen. So beispielsweise in der quadratischen Anordnung des Satzes: "der selbe kreis kommt immer wieder".

Überhaupt scheint Lentz in der kalkulierten Lächerlichkeit eine Möglichkeit des Weiterschreibens zu sehen, wenn das Gedicht konstatieren muss: "alles / zu RETROSPEKTIVEN erstarrt! / kläffendes klaffend OHNE TITEL". Der Gestus eines Grossteils dieser Gedichte erinnert an die Mechanik der aufziehbaren Blechspielzeugtrommler, die gelegentlich bei Auftritten des Autors zum Einsatz kommen. Ist der Dichter einmal am Sprechen, so spult er wie im Wiederholungszwang ähnliche und gleiche sprachliche Muster ab, jedes Wort ein Klöppelschlag, bis ihm die Energie ausgeht: "Warum ist da das da das da ist / Und warum das da so ist / Warum ist das nicht soda / Warum ist das denn dada / Und warum das da so ist".

Auch wo die Sprache von einem bestimmten Gedanken ausgeht, nicht in Selbstreferentialität verharren soll, wird ihr Irritationspotential kaum zugunsten einer vermeintlichen Klarheit von Mitteilung ausgeblendet, sondern konstruktiv eingesetzt. Das dichterische Sprechen von Lentz stolpert, wo es nur geht: über Homophonien, über die Schemen von Syntax und Reim, und es stolpert schön: "und übern faltplan jagt / die fliege warm / ins licht da jagt / das panzertier / das rat das irrt / das rat ich dir". Bei aller klanglich-rhythmischen Durcharbeitung bezieht diese Dichtung gerade aus dem Mut zum Krampf, dem ausgestellten Ungenügen der Sprache, ob poetisch oder alltagssprachlich, ihre kaputte Schön- und Eigenheit.

Nach den 191 Seiten des Bandes, der ein ganzes Spektrum an Gedichtmöglichkeiten demonstriert, kann man zurückblättern, erneut von vorne, ruhig chronologisch, zu lesen beginnen und feststellen, dass die Kapitelabfolge einer bestimmten Bewegung folgt. Sie läuft auf eine zunehmende Kargheit bis zum Verstummen hin zu, das in den schlussbildenden "Einworte(n)" längst die fast leeren Seiten bestimmt. Verstummen aber ist Tod, und dass dieser zwar passiert, aber nicht einfach so hingenommen wird, dafür steht Lentz ein. Am Ende deutet er damit an, dass er noch einiges vor hat. So muss dann auch das Fazit von "Aller ding" heissen:

"so! jetzt reicht es nicht".

Michael Lentz: Aller Ding. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 19.95 €

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Bastian Winkler , © lit03.de, 2003