Ein Wolf im Schafspelz.

Die Neuauflage des Hörspiels "Der getreue Roboter" von Stanislaw Lem führt uns die Mängel der Perfektion vor.

von Hanno Raichle

Man hört es ja im Laden nicht. Man sieht es nur. Dieses CD-Cover mit dem putzigen, knallbunt gemalten Roboter auf orangeblauem Grund, die Lippen rot, der Körper scharf konturiert, der mit aufgerissenen Wimpernaugen in die Gegend klimpert. Süß wie ein schnurrendes Kätzchen. Würde daneben nicht der Name "Stanislaw Lem" stehen, es könnte sich fast um ein neues Hörbuch von Axel Hacke handeln, mit putzigen Spielzeug-Geschichten live aus dem unaufgeräumten Kinderzimmer.

Warum die Gestaltung ach so poppig ausgefallen ist? Um konkurrierende Hörbücher im Regal zu blenden? Oder aber, um neuen Pepp in die 23 Jahre alte DDR-Produktion (im Booklet heißt es "Fundstück in den Archiven des DDR-Rundfunks") zu bringen?

Vielleicht beides.

Der "Getreue Roboter" ist also ein Relaunch. Aufgezogen wie eine alte Schnulze. Eingespeist in eine Recyclingmaschine, die altes Material zur Lifestyle-Beratung schickt. Aufwendig gestaltete Verpackungen sollen dem Käufer eines zeigen: das Auge hört mit.

In diesem Fall erklärt ein zwölfseitiges Booklet voller Comic-Zeichnungen kurz, wer Stanislaw ist (und ja: er ist tatsächlich modern, sonst würde da nicht stehen: "Solaris", Neuverfilmung von Steven Soderbergh mit George Clooney, 2002). Es erklärt, was ein Roboter laut Asimovs Robotergesetzen zu tun, was er zu lassen hat und warum das bei Lem nicht so ist. Schließlich erklärt das Booklet auch, warum das alles so schrecklich aktuell ist: "Die Spülmaschine will ausgeräumt, der Kühlschrank abgetaut, der Videorecorder programmiert werden." Will sagen: Die Herrschaft der Maschinen über die Menschen hat bereits begonnen. Man braucht also nicht die "Matrix" oder den dritten "Terminator"-Film anzuschauen.

Nachdem der lesende Hörer weiß, was die Maschinenwelt längst aus uns gemacht hat, beugt er den Sklavenkopf, bedient den CD-Player und fügt sich 47 Minuten lang der Kontrolle durch die Audiomaschine.

"Mehr hören - mehr erleben" sagt da die Jingle-Stimme des Hörverlages am Anfang. Das könnte allerdings auch der Slogan einer Hörgerätfirma sein. Gefolgt von dezenten Space-Gitarren, die stark nach der BBC-Fernsehproduktion "Per Anhalter durch die Galaxis" klingen. Hier geht es also um Science Fiction, genauer: um die Geschichte des Schriftstellers Tom Clempner (gesprochen von Dieter Wien), der eines Tages einen nicht bestellten weiblichen Roboter geliefert bekommt. Diese Robotress namens Graumer nimmt sich den Schriftsteller zur mechanischen Mutterbrust, versorgt ihn mit Essen und Moral. Doch das nimmt überhand: Graumer entwickelt sich zur fühlenden Figur, weit ab vom Dienstleistungsapparat. Je weiter sie sich in das menschliche Verhalten Clempners einmischt, desto rigoroser verschwindet auch die anfängliche Robovoice mit mechanischem Nachhall und verwandelt sich in die weibliche Stimme von Vera Oelschlegel. Gerade weil der Fokus auf den Dialogen liegt (die durchaus brillant von den Sprechern umgesetzt werden) und kaum auf den Geräuscheffekten (Telefonklingeln, Schreibmaschinengeklapper), ist diese Idee mit dem Spannungsbogen innerhalb der Geschichte schön verwoben.

Clempner verliert Stück für Stück seine Autorität. Als er sich ausruht, sagt sein Roboter, der längst zum Hausdrachen mutiert ist: "Er schläft. Wie ein Baby. Süß, aber unvollkommen, wie alle. Leider." Widerstand gegen die feste Persönlichkeit in Graumers Stimme ist zwecklos. Das gegenseitige Aufbegehren von Mensch und Maschine lässt nur einen Sieger zu. Ein hörbar gestresster Clempner ruft da: "Ich wünsche so etwas nicht!" Und Graumer antwortet seelenruhig: "Doch. Sie wünschen es. Sie wissen es nur noch nicht."

Maschine: 1. Mensch: 0.

Und weil der Mensch nur ein Mensch ist, will Graumer einen neuen Menschen erschaffen. Nicht als Untertan, sondern als Herr. Akzeptabel in all seinem Begehr und Verhalten, um eine gerechtere Beziehung zwischen Mensch und Maschine herzustellen. Aber die Suche der perfekten Einheit führt stets zur Destruktion einer anderen.

Graumer selbst ist ein Prototyp, von Menschenhand erschaffen, aus Menschenhand geflohen. Um sich vor der menschlichen Verfolgung zu schützen, verschickt er sich selbst per Post an neue "Wirte", wohl wissend, dass Faulheit und Geiz der Empfänger ihm alle Türen öffnen werden.

Er träumt nicht von elektrischen Schafen, sondern von der binär-biologischen Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Mit der Fertigstellung seines Homunkulus verliert schließlich der alte Meister Clempner seine Funktion: die fehlerhafte Bio-Beta-Version kann nun durch das Update ersetzt werden.

Doch kein Update ohne Ausnahmefehler. Als Clempner und sein Alter Ego plötzlich gegeneinander um ihre Identitäten und die damit verbundene Vormachtsstellung streiten, erkennt Graumer die Destruktion seines Traumes. Er muss verschwinden. Per Post. Bis zum nächsten Wirt.

Vielleicht ist darum das Cover so bunt. Die Axel-Hacke-Verpackung dient als Schafspelz eines Wolfes, der beim Zuhören zum Glück seine scharfen Zähne zeigen wird. Ein trojanischer Wolf, gut geeignet zum Kaufen und zum Verschenken, am besten an jene, die vom intelligenten "Bosch" in ihrer Küche träumen.

1988 passierte im übrigen genau das, was Stanislaw Lem bereits 1975 in "Der getreue Roboter" beschrieben hatte: der erste Internet-Wurm von Robert T. Morris brachte das junge Internet zum Einstürzen. Mit einem kleinen Programm, dass sich selbst an andere Rechner uneingeladen weiterverschickte. Und der einzige Weg, den Wurm zu stoppen, war: den Computer vom Netz zu nehmen. Klingt gut. Klingt aber auch irgendwie schlecht.

Stanislaw Lem: Der getreue Roboter. Hörspiel. Der Audio Verlag, Berlin 2003 14,95 €



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Hanno Raichle , © lit03.de, 2003