
oder
BUCHBLASEN.
von Hanno Raichle
Wenn Buchstaben sprechen und denken könnten, was würden sie wohl sagen? Das „E“ wäre vielleicht gestresst, weil es am häufigsten benutzt wird. Ein „O“ hätte Probleme mit seiner Figur. Ein „X“ wäre vielleicht ganz gern ein „U“ – und umgekehrt. Die deutsche Schriftsprache besteht aus neunundzwanzig Schriftzeichen. Rechnet man noch die Majuskeln dazu, ergeben sich achtundfünfzig. Achtundfünfzig Individuen.
Und sie sind überall: in Dreierreihen auf Computertastaturen. Dicht gezwängt unter den Ziffern auf dem Nummernblock eines Handys. In den Spalten von Tageszeitungen. Auf Werbeplakaten. Stets zusammengekettet mit anderen. Eine Warteschlange an einer japanischen Bushaltestelle ist nichts dagegen. Eng an eng hat sie ihr Schicksal aneinandergeschmiedet. Alleine sind sie wertlos. Wenn überhaupt, dann ergeben sie nur zusammen einen Sinn. Sie sind die wahren Swinger der Literatur. Ihre Partner wechseln unter flinken Fingern im Sekundentakt. Wenn sie nicht gerade am Anfang oder am Ende eines Wortes stehen und sich den Luxus des Leerzeichens gönnen dürfen, haben sie links und rechts 114 verschiedene Lesensgefährten. Darum also meint Cicero: „Ein Buchstabe errötet nicht“.
Aber Cicero irrt. Buchstaben sind auch nur Menschen. Das bringt die Schriftart „Carr Balloons“ endlich wieder in Erinnerung. Es werden nicht die Buchstaben geschrieben. Ihr Innerstes wird sichtbar gemacht. Und das in einer genialen und einfachen Art und Weise: mit Sprech- oder Denkblasen.
Man freut sich. Aber nach der Installation kommt der Schock: die Blasen sind leer. Da ist nichts. Nada. Hat unser Alphabet rein gar nichts im Kopf? Hat es uns nichts zu sagen? Will es nicht mit uns reden?
Wissenschaftler, die sich mit außerirdischem Leben beschäftigen, haben zwei Thesen, warum sich bis dato noch kein E.T. auf dem Planeten Erde gezeigt hat. Entweder sind die Außerirdischen zu dumm, um mit uns Kontakt aufzunehmen. Oder sie halten uns für so dumm, dass sich die Mühe einfach nicht lohnt. Sind unsere Buchstaben also so eine Art Innerirdische, die unerkannt unter uns leben, uns beobachten und eines Tages plötzlich verschwinden werden? Werden sie am Ende vielleicht noch einen einzigen Satz bilden, damit wir endlich verstehen, wer sie sind? Und wie wird dieser Satz lauten?
Bei Douglas Adams waren es die Delfine, die den Menschen sagten: „Macht’s gut und danke für den Fisch!“. Bei den Buchstaben könnte es sein: „Macht’s gut, und wenn ihr soweit seid: schreibt uns mal ‘ne Karte.“ Genügend leeres Papier hätten wir ja dann.
Carr Balloons, zu finden unter www.fontz.de
Hanno Raichle
, © lit03.de, 2003