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Bücher zum Thema Literatur und Lifestyle
Fortlaufend gesammelt, eingefügt und kommentiert.
Der Russe ist Pop
Auf dem Buchmarkt wird Russland im Jahr 2003 vor allem mit seinen schrägen Lifestyle-Facetten vorgeführt. Der Westen tastet die zerbrochene Oberfläche einer Gesellschaft ab, die ihm einst so viel Angst gemacht hat. Auf dieser Oberfläche erscheint jetzt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigkeiten: die ästhetischen Zeichen des Kapitalismus treffen auf jene des Sowjetkommunismus und der Planwirtschaft. So viel Einbruch war nie. So viel Aufbruch aber auch nicht. Das schafft Räume für Experimente mit neuen Lebensstilen. Und es schafft Raum für eine neue Literatur, aus dem sich der Westen sein neues Bild von „dem Russen“ und der „russischen Seele“ fügen kann. Am erfolgreichsten ist das Bild von den „jungen Russen“, die den ausgelaugten Westpop mit dem alltäglichen Kampf ums Überleben einer ganzen Gesellschaft auffrischen. Nachdem Ost-Berlin lifestyle-mäßig trockengelegt ist, geht die Sonne für den darbenden Buchmarkt noch weiter im Osten auf. Ein derart beleuchtetes russisches Lifestyle-Kompendium ergibt sich aus:
• Wladimir Makanin: Underground oder Ein Held unserer Zeit. Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. Luchterhand Literaturverlag, München 2003, 704 Seiten, 25 Euro.
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• Irina Denezkina: Komm. Aus dem russischen von Olga Radetzkaja und Franzeska Seppeler. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, 256 Seiten, 17.90 Euro.
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• Gary Shteyngart: Handbuch für den russischen Debütanten. Aus dem amerikanischen von Christiane Buchner und Frank Heibert. Berlin Verlag, Berlin 2003, 491 Seiten, 23 Euro.
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• Moritz Baßler: Ein dystanziertes Gefühl. Russlands junge Autoren transferieren mit Pfiff die Warenkultur des Westens. Ein Streifzug durch den Pop à la Russe, in: Literaturen. Das Journal für Bücher und Themen, 10/03, S.78-85.
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• Reiner Riedler: Ukraine. Fotografien. Text von Martin Pollack. Otto Müller Verlag, Salzburg 2003, 112 Seiten, 32 Euro.
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Lifestyle-Staffage
Die historischen Romane rücken langsam aber sicher an die Jetztzeit heran. Gestern ist schon tiefste Vergangenheit. Vor allem die Geschichte der alten Bundesrepublik wird zum dunklen Kontinent erklärt, der literarisch auszuleuchten ist. Was dabei aber vor allem ins Licht kommt, ist das grobe Handwerk des Schreibens von historischen Fiktionen. Wie für Filme über die gute alte Zeit werden aus den Illustrierten die Requisiten zur Ausstaffierung der Geschichte zusammengesucht: Werbeslogans, Namen von Produkten, Modeartikel aller Art, Umgangssprachen, Sprechformeln, Befindlichkeiten und typisierte Attitüden. Damit alles auch echt wirkt. Unvergessen der Schriftsteller mittlerer Generation, der uns in einem Restaurant nach einem Abend im Goethe-Institut in Prag aufforderte, ihm per Email alles zu schicken, was uns zu den 80er Jahren einfällt. Er wolle einen Roman über die Zeit schreiben. Wer solchen Autoren bei der Ausstaffierung ihrer Romane mit Lebensstilen über die Schulter schauen will, der lese
• Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. Hanser Verlag, München 2003, 159 Seiten, 15,90 Euro.
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• Birgit Vanderbeke: Geld oder Leben. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003, 144 Seiten, 16.90 Euro.
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Generationen X
Über die Verwechslung von Ich und Wir beim Schreiben über Generationen wurde in dieser Ausgabe bereits ausführlich gesprochen. Weil die „Wir über uns“-Welle aber gar nicht zurückschwappen mag, hier noch ein paar Meldungen.
Reinhard Mohr, Edelfeder beim Spiegel, versucht mit letzter Kraft auf die Welle zu kommen. Er will über das Altwerden schreiben – er ist 48 Jahre – und findet doch keine Worte dafür. Statt dessen schreibt er nur kalauernd über das, was er die Generation Z nennt, die er vor Jahren selbst erfunden hat. Wenn man exemplarisch sehen will, wie das Schreiben über Life-Style zur Flucht vor dem Schreiben über die eigene Erfahrung wird, dann lese man dieses Buch.
Ganz anders als Mohr macht es Gerd Koenen mit seinen Nachforschungen zur Geschichte von Gerhard Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Was der deutsche Links-Terrorismus mit Lifestyle zu tun hatte und immer noch zu tun hat, hier kann man es erfahren. Und erfahren kann man auch, was passiert, wenn Lebensstile konkurrieren und Tragödien heraufbeschwören – wenn gegen die Vergangenheit und für die Zukunft aus dem jeweiligen Jetzt heraus eigene Lebensbilder entworfen werden und scheitern. Am interessantesten dabei: Koenen schreibt über sich. Und er schreibt über seine Generation. Weil er über andere schreibt – und nicht über sich und über seine Generation.
Matthias Kalle, Jahrgang 1975, schreibt „eine Geschichte des Verzichts, weil der Verzicht das ist, was mich gemacht hat und was mir eine Antwort liefern kann, mir und meinem Jahrgang und den Jahrgängen darüber und darunter. Also meiner – o Gott – meiner Generation?“ Als Krisenkind ist dem Zeitgeist-Journalisten Kalle sogar noch die Sicherheit des Schreibens über Generationen abhanden gekommen. Dass diese Unsicherheit in seinen Aufzeichnungen über den Verzicht spürbar ist, macht ihre Qualität aus. Wie aus dem Handgelenk ist hier ein Gegenentwurf zur Schreibweise von Illies’ „Generation Golf“ entstanden. Kalle protzt nicht. Er trotzt der Krise, indem er in der Krise über Krisen krisenhaft schreibt.
• Reinhard Mohr: Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden. Argon Verlag, Berlin 2003, 18 Euro.
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• Gerd Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2003, 368 Seiten, 22,90 Euro.
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• Matthias Kalle: Verzichten auf. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2003, 221 Seiten, 8,90 Euro.
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Liebe in Zeiten des Konsums
Dass sich die Idee der romantischen Liebe erst mit de Entstehung und
Etablierung kapitalistischer Wirtschaftsstrukturen durchsetzt, ist für die
amerikanische Soziologin Eva Illouz kein Zufall. Individuelle Entscheidungsmacht und
Konsumkraft entstehen nicht nur parallel, sie sind sogar voneinander abhängig.
Die Sphäre des Konsums wird in der Werbung spätestens seit Beginn des 20
Jahrhunderts mit denselben Topoi ausgestaltet wie die Sphäre der romantischen
Liebe. Wer liebt, konsumiert. Wer konsumiert, schafft sich die Möglichkeiten,
glücklich zu lieben und geliebt zu werden. Dass Liebe und Life-Style damit
aufs Engste verquickt sind, sieht Illouz keineswegs verbissen. Sie will keine
Entfremdung aufheben, um zu dem zu kommen, was ,wahre Liebe' wäre. Aber
erklären will sie. Aufklären und abklären. Damit man sich besser zugucken kann -
beim Lieben und beim Konsumieren.
. Eva Illouz: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen
Widersprüche des Kapitalismus. Aus dem Amerikanischen von Andreas Wirthensohn. Campus,
Frankfurt am Main 2003, 297 Seiten, 24,90 Euro.
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