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Wir goldenen Gestalten sind verliebt.
Katz und Max Goldts neuestes Comicbuch "Das Salz in der Las Vegas-Eule" bietet krause Ideen, genaue Beobachtungen und Witzzeichnung vom Feinsten.
von Jan Oberländer
"Das Salz in der Las Vegas-Eule". Ausgeflippter Titel, mag man sich denken, wenn man den neuesten Streich des Berufsduos Stephan Katz (Illustrator) und Max Goldt (Geschichtenmacher) betrachtet. Auf dem Titelbild reckt sich dem Betrachter die riesige Mündung eines Strohhalms entgegen, sich anbietend, an Instinkte appellierend: Trink mich! Kauf mich!
Der Halm steckt in einem Glas voll rosa Flüssigkeit, Erdbeershake vielleicht, jedenfalls liegen Erdbeeren daneben, und auf dem Glasrand sitzt die Eule. Dass das Tier ein "ungewöhnliches Würzwerkzeug" ist, mit Salz im Bauch und durchlöchertem Schädel, sagt einem der Rückentext des Bandes, und auch, was sie mit dem Katz und Goldt zu tun hat. Die Salzeule soll nämlich von Goldt als Souvenir eben aus Las Vegas importiert, von Katz heimlich "entwendet" worden sein und seitdem des Zeichners Suppe würzen.
Was verbirgt sich nun hinter dem edlen Hardcover dieses Comicbuchs? Ein kurioses Allerlei. Es gibt herrlich absurde Storys wie "Neue Arten, Bananen zu essen". Die vorgeschlagenen alternativen Verzehrtechniken haben mit Schlüssellöchern zu tun oder mit Lupen, oder mit Aalen, Schlangen, Schläuchen und der Feuerwehr.
Dann gibt es die ganz genau hingeschauten und hingehörten Geschichten, in die Schnipsel des modernen Lebens gesampelt werden. Zum Beispiel in "Die Party". Gemeint ist eine Studiertenparty, denn Studis sind viele der Anwesenden vor einigen Jahren wohl gewesen. Als Kaufgrund reicht eigentlich allein das Bild, in dem Er, mit eckiger Hornbrille, und Sie, mit Kleidchen und Blondpony, im Weggehen sagen: "Wir müssen jetzt mal langsam. Wir kriegen morgen ab sieben einen DSL-Anschluss". Die tschüsswinkende Partygemeinde flüstert: "Ah, Highspeed!" und "Ah, Turbo", und ein nachdenklicher Eckensteher erkennt bei sich: "Die guten Leute gehen immer schon um zwölf. Minderwertiges Leben bleibt bis fünf. Das ist jetzt aber selbstkritisch gemeint".
Überhaupt eulenspiegelt die ganze Konversation der Party-Geschichte dermaßen authentisch das 'echte Leben', dass es manchmal zum Rotwerden ist. Katz und Goldt starten einen Präzisionsangriff nicht wirklich auf die Lachmuskeln, denn Schenkelklopfer gibt es kaum in ihrem Album. Aber sie stechen mit spitzer Feder in die aufgeblasenen Teile der Blabla-Gesellschaft.
Zwischen den längeren Storys bilden kurze und Kürzeststrips nette Übergänge. Ganz gleich, ob es die Hommage an den großen toten US-Comiczeichner Ernie Bushmiller ist, in dem Goldt und Katz als dessen bekannteste Figuren auftreten, nämlich die rundliche Nancy und ihr bebrillter Freund Sluggo, oder die Karikatur des Bildungsvolks vor und nach dem "Popkulturvortrag" im Berliner Volksbildungstempel ‚Urania': vorher skeptisch, hinterher rauchend.
Das "duo that does what duos should do" (Eigenwerbung) lebt nämlich in Berlin, Max Goldt laut Klappentext sogar in einer "reizvollen Kurfürstendammseitenstraße". Und so findet man im neuen Band auch Hauptstadtbekanntes wie Ben Becker, Mrs. Fielding-Borer und den Bundespräsidenten nebst Gattin in "Die Renaissance des Butterbrots" oder wie in der Witzgeschichte "Heutiges Kaffeetrinken" "so New Coffee Dinger", wo man so "New Coffee Teile" trinken kann, z.B. eine "doppelte Latte Macchiato Ristresso mit Crunched Ice und Chocolate Cream topping. To go, aber ohne Deckel".
Die Zeichnungen von Katz haben sich seit dem ersten gemeinsamen Band mit Goldt "Wenn Adoptierte den Tod ins Haus bringen" von 1997 verändert. Katz zeichnet jetzt weniger krakelig und mit dickerem Stift. Aber wie damals braucht er nur wenige unverwechselbare Striche, um auf den Punkt zu kommen. Die schwarzweißen "Rasterfolien-Exzesse" des ersten Bands sind einer flächigen, kräftigen Kolorierung gewichen, die die Strips oft gewitzt unterstützt. So die in übertrieben gemütlichem Hellbraun gehaltenen vorweihnachtlichen Wohnzimmerszenen in "Die neue Radiohead". Hier wird sich übrigens, wie öfter im Band, über die CD "Kid A" der britischen Weltschmerzrocker unterhalten. Die Liebe liegt dabei im Detail: "Kid A" ist abgebildet, zumindest der Teil des geheimnisvollen zweiten Booklets, der "unter dem Plastikteil, wo die Disc dran festkrallt", hervorschaut, dem Adventskranz steht ein Schokoweihnachtsmann zur Seite, selbstverständlich liegen auch Mandarinen herum.
Bei aller Ironie gibt es in "Das Salz in der Las Vegas-Eule" aber auch - Poesie. Keine lyrische Gemütlichkeit zwar und keine Verse, aber doch sind da Bildfolgen, die in ihrer Überzogenheit rund sind und auf seltsame Weise, na ja, weise. Man stelle sich folgende Zeilen illustriert vor: "So schleckt der Hirsch am Zeitstein. / So schlecken wir an uns / Und während wir an unsereins schlecken, vergessen wir in trüber Sicht, was üble Herren mit Kanistern planen. Das Brandenburger Tor anzünden? Was ficht's uns an? Wir goldenen Gestalten sind verliebt".
"Das Salz in der Las Vegas-Eule" sollte man sich nicht entgehen lassen. Zu enorm ist der Sprachwitz, zu kraus die Ideen, zu scharf das satirische Auge des kongenialen Duos. Wie alle Comicalben von Katz und Max Goldt wird man auch dieses Kunstwerk genau so wiederlesen wie dieses Wort: wiederlesen.
Katz&Max Goldt: Das Salz in der Las Vegas-Eule. Carlsen Comics, Hamburg 2002. 64 Seiten 14 €
www.katzundgoldt.de
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Jan Oberländer
, © lit03.de, 2003
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