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Was Thea Dorn mit Homer auf dem Seziertisch treibt.

Die Fotografin Ebba Dangschat porträtiert in dem Bildband "Erlesene Orte" Prominente und ihre Lesegewohnheiten.

von Wiebke Eymess

"Ich liebe die Bilder, die entstehen, wenn man einen guten Roman liest. Man hat immer das Gefühl, man möchte sie ganz für sich haben". So wie Christoph Marthaler geht es vielen Lesern. Sie treffen sich mit ihrem Buch an einem geeigneten Ort, wo sie die Leerstellen des Textes mit eigenen Bildern füllen und in vertraulicher Verabredung mit der Fiktion ihre Einbildungskraft erleben. Die Berliner Fotografin Ebba Dangschat hat Prominente aus Kultur, Politik und Wirtschaft an ihre Leseorte begleitet, um der Atmosphäre dieser Räume nachzuspüren und den Raum als Spiegel des jeweiligen Lesers zu erkunden. Den Fotografien stehen Gespräche mit den Prominenten zur Seite, dazu gibt es ausgesuchte Passagen aus deren Lieblingsbüchern, denn, wie die Fotografin sagt, "wo man sein Buch aufschlägt, lässt sich vielleicht entdecken, was zwischen den Zeilen steht...".

Das Buch als Requisit

Leider hält der großformatige Bildband nicht, was das Vorwort der Fotografin verspricht. Auf die Suche nach geheimnisvollen Orten will sie den Betrachter mitnehmen, auf eine Entdeckungsreise ins Reich der literarisierten Wirklichkeiten. Doch viel Geheimnisvolles oder Überraschendes halten die 53 Porträts nicht bereit.

Allzu platziert wirkt Autor Klaus Kordon auf dem Baumstumpf im Wald oder Eckart Witzigmann mit Buch am heimischen Herd. Auf anderen Bildern wird das Buch zur bloßen Requisite: wenn sich eine gut gestylte Nina Ruge mit Harry Potter im Englischen Garten räkelt oder Vito von Eichborn streng von einem Schnitzler aufschaut. Da bleibt der Betrachter außen vor. Das zwangsläufig Künstliche der Fotoshootings verstellt den intimen Blick.

Beim Durchblättern des Bildbandes wird schnell deutlich, welche Orte tatsächlich der Lektüre dienen und belebt sind und welche eine Kulisse aufbauen, um den Blick ins Private zu blockieren.

Lesen als Selbstinszenierung

Nach ein paar Seiten wünscht man sich von der Fotografin, dass sie mit den Mitteln ihrer Kunst das Künstliche entlarvt, indem sie es überhöht oder bricht, etwa durch den ironisch Einsatz des Blitzlichts oder mit einem Augenzwinkern durch die Positionierung. Doch die Fotos sind immer voll von warmem Sonnenlicht und gemütlicher Sonntagmorgenatmosphäre. Sie spielen dem Betrachter Authentizität vor, wo sie nur an der Oberfläche bleiben.

So wird hier gar keine Werbung fürs Lesen gemacht. Das Gegenteil stellt sich ein. Es verkommt zur platten Selbstinszenierung. Christoph Schlingensief liest Reclam-Hefte auf der Baustelle, Thea Dorn liegt bleich mit Homer auf dem Seziertisch, und Sybille Berg posiert auf dem Klo (angekleidet und auf geschlossenem Deckel). Nicht einmal die geschriebenen Porträts bemühen sich, diesen schönen Schein zu brechen. Sie kommen selten über Plattitüden hinaus. Die Schauspielerin Nina Petri sucht beim Lesen eine Art "emotionaler Berührung" und für Guido Westerwelle ist es ein "entspanntes Abtauchen in die Fantasie". Vom FDP-Politiker stammt immerhin der einzig amüsante Satz dieses Buches: "Auf meiner Lümmelcouch kann man sich mit fünf Kissen herrlich akrobatisch flegeln". Dazu gibt es das Westerwelle-Porträt mit einem schmallippigen Beinahe-Lächeln, einem vor den Bauch gepressten Kissen und übereinandergeschlagenen Beinen à la Erika Berger.

Mit solchen Schmunzeleien empfiehlt sich "Erlesene Orte" als Geschenk für Schöner-Wohnen-Abonnenten. Sehenswert sind nämlich die Aufnahmen der verlassenen Leseorte. Der abgenutzte Sessel, der zerwühlte Diwan, der polierte Schreibtisch. Die rein imaginäre Präsenz der Porträtierten ermöglicht den heimlichen Blick des Voyeurs.

Der Fotoband ist auch ein geeignetes Präsent für schwerfällige Lesemuffel. Die ausgewählten Buchpassagen von Goethe über Thomas Bernhard bis Durs Grünbein machen nämlich Lust zum Nachlesen. An unseren wirklichen Lieblingsleseorten. Ganz ehrlich: beim Fallschirmspringen, auf dem Marilyn Manson-Konzert, auf dem Zahnarztstuhl... Aber ohne Fotografin.

Ebba Dangschat: Erlesene Orte. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2002. 205 Seiten 39,90 €



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Wiebke Eymess , © lit03.de, 2003