lit.kritik










Diesen Artikel ausdrucken

Alle Wege führen ins Empire

Den Populärroman "Empire" von Michael Hardt und Antonio Negri gibt es jetzt in der Studienausgabe

von Kristian Kissling

Das Buch ist gar nicht so interessant. Erstaunlich ist das Medienecho, das Michael Hardts und Antonio Negris "Empire. Die neue Weltordnung" ausgelöst hat. Das Versprechen einer revolutionären Perspektive auf den komplexen Prozess der Globalisierung trieb Dutzende von Rezensenten von der WELT bis zur JUNGLE WORLD aus den Ohrensesseln. Das Interesse an dem eher schwer zugänglichen Text war so groß, dass der CAMPUS-VERLAG Anfang des Jahres sogar eine Studienausgabe auf den Markt brachte. Ob die nicht nur Käufer, sondern auch Leser finden wird, ist fraglich. Denn im krassen Gegensatz zu den Verkaufszahlen steht die Unzugänglichkeit des Textes, dessen Vokabular sich stark am Neusprech französischer Philosophen wie Foucault und Deleuze orientiert und alles andere als populär klingt. Das läßt sich leicht ins Regal stellen. Leicht verdauen lässt es sich nicht.

Den größten Teil des Buches widmen sich Hardt und Negri der Frage nach der Konstruktion und dem historischen Wandel von Souveränität und Produktion. Ziel ist - am Übergang zur gegenwärtigen biopolitischen Herrschaft, die auf einer umfassenden und tiefgehenden gesellschaftlichen (Selbst)-Disziplinierung und (Selbst)-Kontrolle basiert - die Entstehung von dem erklären zu können, was im Buch das EMPIRE genannt wird.

Das EMPIRE ist das globale Wirtschaftssystem, das keinen zentralen Ort mehr kennt. Es ist ein System, in dem die Politik dezentralisiert ist und mit Differenzen arbeitet. Als postmoderne Struktur setzt sich das EMPIRE über die alte internationale Staatenordnung und schafft eine eigene biopolitische Weltkarte. Dieser "Maschinerie biopolitischer Herrschaft" mit ihrem Drang nach Ausdehnung kann allein die produzierende Menge "produktiver, kreativer Subjektivitäten", die so genannte MULTITUDE, Widerstand entgegen setzen. Die letzten 60 des etwa 400 Seiten umfassenden Buches widmen sich dann auch den Möglichkeiten dieser MULTITUDE, der Menge des "neuen Proletariats", die Krise des EMPIRE für sich produktiv zu nutzen.

Marketingtechnisch bedient das "Kommunistische Manifest unserer Zeit" (Slavoj ˇi˛ek) scheinbar erfolgreich ein Begehren nach sozialer oder revolutionärer gesellschaftlicher Bewegung -und vor allem das Begehren nach klappernden Begriffen. Denn noch scheinen sich nicht alle mit dem "Ende der Geschichte" oder dem alternativlosen Siegeszug des globalen Kapitalismus abfinden zu wollen.

Allerdings liegen bisher, abgesehen von der Praxis der Globalisierungsgegner, kaum zeitgemäße theoretische Entwürfe und angemessene Begrifflichkeiten vor. Das schmerzt.

Das enorme Echo auf die letzten 60 Seiten des Buches lässt sich deshalb als Fanal gegen die Veränderungsdepression der 90er Jahre lesen. Die eigentliche Leistung des Buches von Hardt und Negri liegt nicht unbedingt in der inhaltlichen Stringenz der Thesen. Es liegt vielmehr in dem Versuch, die Rede von der anderen Welt theoretisch zu unterfüttern und eine utopielose Politik der globalen Nachtwächterschaft nicht als letzte Lösung zu akzeptieren. Daneben verweist die große Nachfrage nach dem Buch auf die Sehnsucht nach der einen ultimativen Antiglobalisierungstheorie, nach der portablen Bibel für die langen Nächte von Genua oder Davos. So wie sich die heterogenen Forderungen der globalen Protestler unter dem griffigen aber unspezifischen Schlagwort der "Antiglobalisierung" summieren, bieten die dünnen 60 letzten Seiten von EMPIRE eher Raum für Projektionen. Offen bleibt der Weg der von Hardt und Negri beschworenen GENERATION. Auch das bleibt empirische Leerstelle.

Allerdings eine mit Appeal. Die Begriffe der Autoren fungieren Seite für Seite als leere Hülsen, die mit den unterschiedlichsten Vorstellungen der Leser mit Leben gefüllt werden können. So umschifft das Buch das Kap der einheitlichen Theorie, dessen Bewohner dem komplexen Prozess der Globalisierung einen einzigen Altar errichten wollen. Aber mehr als Jargon kommt nicht dabei heraus.

Sätze wie "Es ist Mitternacht in der Nacht der Gespenster" und Thesen, die offen an kommunistische Ideen anknüpfen, gehören zum legitimen Theater, das seit Büchners Zeiten Teil der Revolution ist. Das "neue Kommunistische Manifest" macht nicht nur Globalisierungskritikern ein Angebot, aktuelle Befindlichkeiten mit Schlagworten zu treffen und vielleicht sogar zu mildern. Ob seine Wirkung aber über das Feuilleton hinausgeht, wird wohl erst die Zukunft zeigen

Michael Hardt/ Antonio Negri: EMPRIRE Campus Verlag, Frankfurt/ Main 2003. 461 Seiten, geb., 19,90 € (Studienausgabe)



Titel bestellen!

Artikel drucken

Kristian Kissling , © lit03.de, 2003