Editorial




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Trotzdem Immer Noch Schon Wieder.
Literatur und Lifestyle
Das ist wirklich nicht neu. Aber man muss es sich manchmal wieder klar machen, um zu verstehen, was passiert: dass Literatur (zumal die gedruckte) nicht mehr zentraler Reflexionsort der Gesellschaft ist. Und dass sie längst an den Rand gedrängt worden ist durch andere Medien.
Zeitung, Zeitschrift, Kinofilm, Radio, Fernsehen, PC, Playstation und Internet. Sie alle haben der Literatur Stück für Stück den Rang abgelaufen. Und sie nehmen die Aufmerksamkeit ihrer User so sehr in Anspruch, dass fürs lange, fürs aufmerksame, fürs konzentrierte Lesen kaum noch Zeit bleibt.
Wenn Literatur aber erst einmal aus dem (imaginären) Zentrum der Gesellschaft herausgedrängt ist, dann wird sie zum Lifestyle. Sie wird zu einem ästhetischen Zeichen, das nicht für alle gültig ist, sondern mit dem man sich von anderen unterscheiden kann und vor allem: mit dem man sich von anderen unterscheiden will.
Mit diesem ästhetischen Zeichen können sich dann die schmücken, die anders sein wollen als die anderen. Jene, die ‚trotzdem' oder ‚immer noch' oder ‚schon wieder' Bücher lesen, zu Lesungen gehen, Texte interpretieren und über Interpretationen debattieren. Ganz zu schweigen von denen, die ‚trotzdem', ‚immer noch' und ‚schon wieder' Literarisches schreiben, statt zum Beispiel Drehbücher für Soaps, Exposés für Events oder Vernetzungspläne für Zeitschriften im Internet.
‚Trotzdem', ‚immer noch', ‚schon wieder'. Wo Literatur zum Lifestyle wird und wo sich Lifestyle auf Literatur kapriziert, da bricht nun aber keineswegs Kulturlosigkeit aus. Im Gegenteil. Da entstehen eben jene Effekte, die man - nimmt man sie alle zusammen - "Kultur" nennt.
Mal sind sie schrill und schräg. Mal sind sie dunkel und melancholisch. Mal treten die Kulturkritiker auf den Plan. Und mal sind es die Lautsprecher des Neuen, die aus dem vorerst letzten Schrei der Mode das Wirkliche und Wahre heraushören wollen.
Die Beiträge der ersten Nummer von lit03 nehmen diese Effekte in den Blick. Schrill und schräg. Warnend und mahnend. Ruhig betrachtend. Kritisch. Komisch.
* Die eigenartige Verbindung von Literatur und Lifestyle auf dem diesjährigen Sommerfest im Literarischen Colloquium Berlin ist Anlass für kleine pikturale und essayistische Betrachtungen. Sie spüren die Melancholie einer Lebensstil-Gemeinschaft auf, die sich langsam aber sicher ins Dunkle bewegt.
* In den "Losen Notizen zu einer Geschichte des Nicht-Lesens" wird darüber nachgedacht, welche Lifestyle-Signale von Büchern ausgehen. Im Beitrag über den südamerikanischen Bestseller-Autor Garcia Marquez geht es um die Vermischung von südamerikanischer Literatur und europäischem Südamerika-Hype.
* Zwei weitere Beiträge beschreiben die mächtigen Wirkungskräfte des Lifestyle-Marketings, die sich bei der Neuformierung von Kulturinstitutionen ebenso entfalten wie bei der Beschriftung einfacher Konsumgüter.
* Das Porträt von Helmut Krausser versucht den Lebensentwurf des Autors nachzuzeichnen und ihn als Teil der literarischen Inszenierung eines Lebensstils zu verstehen, der die Leser in den Bann zieht.
* Generationen-Bücher sind immer auch Lifestyle-Bücher. Eine Sammelrezension geht der Frage nach, wie mit antiquarischen Versatzstücken und Reizworten aus einem einzigen ‚Ich' gleich eine ganze ‚Generation' geklont werden kann.
* Im Interview mit Jens Bisky, Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung, gibt es Fragen nach kulturjournalistischem Lifestyle und Antworten zum lifestyligen Kulturjournalismus - nach dem Zusammenbruch des Feuilleton-Booms der späten 90er Jahre.
* Auf der lit.liste werden fortlaufend Neuerscheinungen zum Thema der Ausgabe eingefügt und kommentiert.
* Im Rezensionsteil geht es quer durch die Genres. Besprochen werden ein Bildband mit lauter lesenden Prominenten; ein Buch, das allzu gut in den Lebensstil der Globalisierungs-Gegner passt; ein Comic von Katz und Goldt, in dem das Salz aus einer Las-Vegas-Eule rieselt; ein Lyrikband von Michael Lentz, in dem schön gestorben und gestolpert wird; ein Hörbuch von Stanislaw Lem, das als Wolf den Schafspelz trägt; schließlich die neueste Ausgabe des Internet-Magazins Philotast.
*lit.folgen bringt alle vier Wochen Neuigkeiten:
- Rund um die Uhr geöffnet ist der lit03.de-Hypermarché, in dem beschriebene Produkte und Produkte rund um die Schrift ausgestellt sind. Die Leser von lit03 können auch selber die Regale füllen.
* Unter lit.post berichtet unser WildWest-Korrespondent Jan Oberländer, der sich noch vor Erscheinen der Jungfernausgabe in die USA abgesetzt hat, mit einer seiner Studien von der dortigen Literaturszene. In der ersten Folge kommt er an. In den nächsten wird er Stück für Stück die Poesie seiner neuen Umgebung erkunden.
* Im Fernschreiber, unserer lit03.de-Soap, schreiben W. und M.. was die Hauptstadt mit der Provinz zu schaffen hat. Diesmal geht es um die Welt der Kioske.
* In der Bildschirm-Dichtung können sich Leser ihren eigenen Text zusammenbasteln, fixieren und an lit03.de senden. Die besten werden prämiert.
* Die fontline stellt eine Schifttype vor. Keine gewöhnliche, sondern eine besondere. Und das monatlich neu.
Während also der Hypermarché rund um die Uhr geöffnet ist und sich stetig vergrößert; und während vom literarischen Catwalk USA weiter berichtet und der Fernschreiber immer weiter tickert und tickert - so erscheint die nächste große themengebundene Ausgabe von lit03 am 15. April des nächsten Jahres.
Und weil es dann nicht mehr 2003 ist, sondern 2004, heißt lit03 dann lit04.
Aber das erklären wir noch einmal, wenn es soweit ist. Bis dahin kann sich nämlich noch eine Menge geändert haben. Zum Beispiel das Leben. Die Literatur. Der Lifestyle. Oder sogar alles zusammen.
© lit03.de, 2003
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