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Das ist vorbei
11. April 2004
Der Vormittag ist frühlingshaft, die Campuskapelle gut besucht. Lecture Series. Susan Sontag: „Regarding the pain of others“. Älteres Niveaupublikum, etliche Studenten, ich sitze am Rand. Ein paar Professoren sprechen einfühlende Worte, das große Glasfenster leuchtet bunt, es zeigt einen vollbärtigen Jesus mit Thron und Krone und wimmelndem Hofstaat. Seine segnend ausgebreiteten Arme sehen aus, als wollte er in die Hände klatschen. Was das Publikum übernimmt. Sontag tritt ans Mikrofon.
Ihr Vortrag heißt wie ihr aktuelles Buch. Ums Zuschauen geht es also, und moralisch wirds auch. Mit Blick auf den Veranstaltungsort sagt sie, dass ihr bewusst sei, dass sie durchaus irgendwie eine Predigerin sei, und Amerikanerin genug, vor dieser Vorstellung nicht zurückzuschrecken. Ich grinse. Sontag redet frei, man sieht ihr Skript nicht, am Bühnenrand sitzt eine Gebärdendolmetscherin, ich höre genau hin.
In „Regarding the pain of others“ schreibt sie über Krieg. Jugoslawien, Ruanda, Tschetschenien, New York. Und darüber, wie wir auf die bildliche Darstellung dieser Kriege reagieren. Abbildungen der Wahrheit, Platos Höhle. Wir lebten so sehr in Bezug auf Bilder, formten unsere Weltsicht durch sie; aber wieviel, fragt Sontag, könne man eigentlich über etwas wissen, das man nicht selbst erlebt hat? Täglich sähen wir die schrecklichsten Dinge, in der Zeitung, im Fernsehen, auf dem Computerbildschirm, aus sicherer Entfernung, ohne selbst gesehen zu werden, ohne verantwortlich zu sein.
Sontag erzählt, dass sie im belagerten Sarajevo gelebt hat, mit Journalistenausweis, aber vielleicht eher als Neugierige in eigener Sache. Sie erzählt, dass sie raus konnte alle paar Monate, zum Nachdenken, zum Duschen. Die Menschen, mit denen sie dann sprach, hatten Fernsehbilder gesehen, die die Situation zeigten, realistisch, wirklichkeitsgetreu. Aber sie konnten sich Sarajevo nicht vorstellen. Weil Blättern, Zappen, Surfen eben nicht Erleben ist. Weil die Repräsentation nicht das Gefühl der Gefahr vermittelt, weil es keine Gerüche gibt, weil eine Tonspur den Lärm nicht erfahrbar machen kann. Und sowieso seien wir abgestumpft, sagt Sontag, haben die Bilder schon mal gesehen, in irgendeinem Film. „Society of spectacle“ nennt sie das.
Ihr selbst kämen die Fragen erst aus der Distanz. Was erwartet man für sich selbst, fragt sie, und von sich selbst? Sontag will die „Rechte der Realität“ verteidigen, die Welt sei eben kein Bild. Ihr Ton wird groß und wahr und wichtig, sie predigt der Gemeinde ins Gewissen, ruft zum Voluntarismus auf: Man solle tun, was man kann, im eigenen Umfeld, in der eigenen kleinen Welt, für Leute, die man nicht kennt, und über deren Leben man nichts weiß. Das ist richtig, das ist gut.
Ich stelle mich taub, versuche, die Untertitel zur Predigt zu lesen, die fremde Sprache der Frau links vorn auf der Bühne, ihre Handbewegungen, ihr unruhiges Gesicht. Ich sehe alles, ich verstehe nichts. Sontags Beispiel war sehr simpel: “How can you know how it is to be ill if you’ve never been ill?” Ich bin nicht taub. Aber man muss eben dabei sein, in jeder Hinsicht.
Applaus, man klatscht der guten Sache nach, ich merke es kaum, denke an Zuhause, daran, dass ich sehr bald schon nicht mehr hier sein werde, dass meine Zeit hier eine Erinnerung sein wird, unmittelbar, unvermittelbar. Orte und Menschen, Gerüche, Geräusche. Ich habe Fotos gemacht, Briefe geschrieben, Schnappschüsse nach Hause geschickt, winzige, unscharfe Ausschnitte. Das ist vorbei. Die Zeit ist um. Ich mache ein letztes Foto, Susan Sontag spricht ihren letzten Satz, bedankt sich, nimmt einen Schluck Wasser, schüttelt ein paar Hände, packt ihr Skript zusammen, denkt an die Podiumsdiskussion heute am Nachmittag. Ich stehe auf und gehe Richtung Ausgang. Als ich mich noch mal umdrehe, sehe ich die Gebärdendolmetscherin von der Bühne steigen. Ich lächle ihr zu. Zum Abschied gibt sie mir Zeichen.
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Jan Oberländer
, © lit03.de, 2004
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