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Auf Gut Glauben
12. März 2004
An der äußerst ausführlichen Leinwand-Kreuzigung von Mel Gibsons Christus scheiden sich die US-amerikanischen Geister. Die New York Times nannte die Debatte um die "Passion" kürzlich eine weitere Front der "culture wars" zwischen Konservativen und Liberalen, zwischen Fundamentalreligiösen und Säkularisten.
Da liest man, der Film propagiere einen ideologischen Rückschritt ins Mittelalter, er ignoriere durch die perfide Suggestion einer jüdischen Kollektivschuld am Tod des christlichen Messias das reformierende Zweite Vatikanische Konzil.
Von hartgläubiger Seite hört man dagegen, das blutige Epos könne die emotionale Verbindung mit Jesus Christus verstärken, die cineastische Teilhabe an den Qualen des Heilands mache dessen Leidensbereitschaft und Vergebungsmacht nur noch tiefer erfahrbar. Man muss es nur wollen. Für alle Fälle sitzen Seelsorger in den Foyers mancher Lichtspielhäuser.
Die Grabenkämpfer auf den amerikanischen Meinungsseiten streiten derzeit auch um Garderobenfehlfunktionen zur Prime-Time, oder um die Heiratserlaubnis für Schwule und Lesben. Denn es ist Wahlkampf.
Da hat man zum Beispiel versucht, Präsident George W. Bush von dem schwer wiegenden Vorwurf zu befreien, er hätte Anfang der 70er Jahre seinen Militärdienst in der Nationalgarde geschwänzt. Als Gegenbeweis wurden Zahnarztakten veröffentlicht. Bush hat offenbar zu jener Zeit auf einem Stützpunkt in Alabama einem Armeedoktor die Zähne gezeigt. Mit neun Füllungen.
Etwa zeitgleich mit Bushs Dienst an der Heimatfront war sein Herausforderer John Kerry in Vietnam. In seiner pünktlich zum Präsidentschaftswahlkampf erschienenen Biographie "Tour of Duty" stellt Autor Douglas Brinkley den demokratischen Kandidaten als Kriegshelden vor. Kerry hatte sich freiwillig gemeldet, ausdrücklich für einen besonders gefährlichen Job. Dreimal wurde der junge Marineoffizier verwundet, stieg aber unerschrocken wieder aufs Patrouillenboot. Trotz feindlichen Beschusses, so die Legende, ließ der von Minensplittern verletzte Kerry den Kahn kehrtmachen, um eigenhändig einen über Bord gegangenen Kameraden aus dem Fluss zu ziehen. Einer für alle. Deshalb sollen alle Veteranen für jetzt den einen sein.
Auch als Nachkriegsheros wird John Kerry porträtiert. Nachdem er hochdekoriert in die Heimat zurückgekehrt war, begann er damit, für ein Ende des Krieges zu kämpfen. Als Sprecher einer Veteranenbewegung bezeichnete er den Feldzug in einer Kongress-Anhörung als einen "Höhepunkt krimineller Heuchlerei" – was ihn mit einem Schlag berühmt machte.
Für den US-Angriff auf den Irak hat Kerry dennoch gestimmt. "Auf Grundlage der zu jener Zeit verfügbaren Geheimdienstinformationen." Natürlich. Nachträglich verurteilt er den Krieg, weshalb ihn wiederum die Bush-Wahlkämpfer einen Wendehals nennen. Aber Wahlkampf ist hier ohnehin vor allem Glaubenssache. Der Krieg war es offensichtlich auch.
Das glauben nicht zuletzt die Republikaner. Ihre TV-Spots setzen auf, wörtlich, den "American Dream" und auf Kontinuität in der außenpolitischen Führung. "Steady leadership in times of change". Da weiß man, was man hat. "Safer". "Stronger". Da gibt es jetzt massenweise Gefühl und Blockbustermusik auf dem Leidensweg des amerikanischen Volkes nach dem 11. September 2001.
Via Dolorosa. Mit Bush über den Berg. Kinder springen über grüne Wiesen. Cut.
Eine Buchhändlerin, die ich in meiner Gewissensnot nach einem Bestseller über das Zweite Vatikanische Konzil frage, zuckt mit den Achseln. Sie kennt den Titel nicht. Und ein Autor fällt ihr dazu auch nicht ein. "Conceal?"
Woher wird sie nur wissen, ob sie den Erlöser wählt? Oder ob sie die emotionale Verbindung zu ihm ein für allemal kappt?
Hoffentlich setzt man einen Seelsorger ins Foyer der Wahllokale. Fürs Trauma danach.
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Jan Oberländer
, © lit03.de, 2004
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