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Beweg dein Gedicht
Was ist das? Man kann es lesen, kritisieren oder vortragen. Entweder arbeiten sich die Augen von links nach rechts durch die Zeilen, der Mund bewegt sich hinterm Schriftstellermikrofon oder die Ohren fungieren als Rezeptionsorgane. Richtig. Literatur. Seit Jahrhunderten steckt der Mensch in diesen Schemata, wenn es um Geschriebenes geht. Etwas eintönig, möchte man sagen, bei genauerer Betrachtung. Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert, in dem Telefone schon längst nicht mehr zur puren Kommunikation entwickelt werden. Der Handymarkt boomt, während der Literaturbetrieb in einer Krise steckt.
Längst werden auch Popsternchen nicht mehr einzig und allein an ihrem vokalen Talent oder ausdrucksstarken Songlyrics beurteilt. Wer sein Album verkaufen will, braucht ein Video, das mit Kameraeffekten, Schnitten und – ganz besonders – einstudierter Tanzchoreographie die jungen Konsumenten von medialer Qualität überzeugt. Eine Boyband, die sich nicht zu ihrer Musik bewegen würde, hätte niemals eine Chance, eine Großraumhalle voller Teenagern zum Kreischen zu bringen. Das Mastermind hinter der Bühne nennt sich „Dance Coach“ oder „Dance Instructor“, gut bezahlte Profitänzer, die sich stets neue Bewegungen für ihre Zöglinge ausdenken müssen. Schließlich darf das MTV-geschulte Zuschauerauge nicht erkennen, dass die süßen Boys, die sich im Kunstregen drehen, dasselbe im vorletzten Videoclip schon mal gemacht haben.
Was das alles jetzt mit Literatur zu tun hat? Man kann daraus lernen. Und z.B. eine Marketingstrategie entwickeln. Die Wunderwaffe dafür heißt "DanceSteps". Eine Schriftart, deren Buchstaben aus Piktogrammen besteht, die mancher aus seiner Tanzschulzeit kennen könnte: um besonders immobilen und tanzunfähigen Schülern mit zwei linken Füßen beizubringen, wohin diese beim Foxtrott zu setzen sind ("Nicht auf den Fuß deiner Partnerin, Kurt!"), wurden hier mancherorts Schuhsohlen auf den Boden gemalt. Für jede Fußstellung ein Paar. Man musste nur noch der Spur folgen, schon lief der Foxtrott wunderbar.
Was das alles trotzdem jetzt mit Literatur zu tun hat? Ganz einfach. Der revolutionäre Gedanke steckt in der Erweiterung der Rezeptionsmöglichkeiten. Stellen Sie sich nur einmal vor, dass Sie eines Tages den Fernseher einschalten: MTV. Es läuft ein Video ohne Musik, dafür rezitiert eine Stimme Höderlins "Die Liebenden". Auf einer Bühne sehen wir einen Mann und eine Frau, die tanzen. Jeden einzelnen Buchstaben. Jedes Wort als einmalige Figur. In perfekter Synchronität. Besser, als es sich jeder "Dance Coach" ausdenken könnte.
Tausende begeisterte Teenager, die "Moby Dick" auswendig lernen oder in Tanzschulen gehen, auf deren Böden das erste Kapitel gemalt ist. Discos, die statt Oldienights plötzlich Kurt Vonnegut-Abende organisieren. Wäre das nicht was? Und sagen Sie jetzt bitte nicht, das sei utopisch. Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert. Auch Georg Trakl darf hier Ihr persönlicher "Dance Coach" sein.

DanceSteps, zu finden bei fontasy.de
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Hanno Raichle
, © lit03.de, 2004
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