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Fernschreiber
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W
Frühjahrsmüdigkeit im Herzen
M. unterstellt mir Frühjahrsmüdigkeit, weil ich schweigsamer bin als gewöhnlich. Dabei bin ich ausnahmsweise mal ausgeglichen. M. irritiert das, weil ich ihm kein Kontra mehr gebe und uns seitdem der Gesprächsstoff ausgeht.
Angefangen hat das mit dem Ausgeglichensein als ich eines Morgens von Vogelgezwitscher geweckt wurde. Und der Himmel über Aldi war blau. Noch im Halbschlaf dachte ich, dass das Leben doch ganz schön ist und ich M. mal wieder besuchen kann. Und weil es der 14. Februar und Valentinstag war, schickte ich ihm eine Email mit Blumenmuster: "Ich würde gern mal wieder mit Dir in Deiner Neuköllner Küche frühstücken." Worauf M. zurück schrieb, ich müsste mich der Provinz stellen, und Valentinstag sei eine Erfindung des Blumenhandels, weshalb er sich strikt weigere, mir irgendeine Nettigkeit am 14. Februar zu schreiben.
Ich rief ihn an und sagte, dass nur der den Winter überwinden könne, der den Frühling in sein Herz lasse und dass der Valentinstag auf einen englischen Dichter aus dem 14. Jahrhundert zurückzuführen sei, der in einem Gedicht mit blumigen Worten die Gattenwahl der gefiederten Liebenden am Feiertag Sankt Valentins beschreibt. M. sagte, dass er im Gegensatz zu mir versuche, den Winter ohne Medikamente zu überstehen, und dass ich bitte bis zum Frühlingsanfang von einem Berlin-Besuch absehen solle. Damit er sich körperlich und seelisch drauf vorbereiten könne.
Langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen um ihn. Es scheint fast, als ob der winterliche Wahnsinn der nackten Großstadt Einzug in sein Gemüt gehalten hat. Ich sagte: "Du musst mal raus!" und er sagte: "Du wirst schon sehen."
Heißt das: "Du wirst schon sehen, bald stehe ich vor Deiner Tür!" oder „"Du wirst schon sehen, ich bin schon so gut wie weg!"? Je mehr ich mir um M.’s Gemützustand Gedanken mache, desto kälter scheint es draußen zu werden. Und auch die Vögel zwitschern eher hämisch als fröhlich. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Vielleicht sollte ich heute im Bett bleiben. Ich bin so müde.
M schreibt über:
Frühjahrserwachen in Neukölln
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W. und M.
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