lit.folgen




Diesen Artikel ausdrucken


lit.post

"Ladies and gentlemen, put your hands together!"

11. Februar 2004

Ich glaube dem MC. "You’re at the right place", sagt er, "at the right time, doing the exact right thing". Poetry Slam tonight. Der richtige Ort. Das "Red Sea" auf dem Delmar Loop in St. Louis ist tagsüber ein Restaurant. Kein luxuriöses, das kann es auch abends nicht verbergen. Aber im Moment geht es nicht um Äußerlichkeiten. Eher darum, was drin ist in einem. Und darum, wie man es rauslässt.

Es darf geraucht werden, Bier gibt es an der Bar. In jedem anderen Laden wäre ich nach meiner ID gefragt worden. Hier ist man entspannt. Vielleicht fünfundzwanzig Leute sind da, der Raum wirkt eingenommen. Die Juroren haben die Nummernkarten für die Punktwertung vor sich: die Null für ein besser nie geschriebenes Gedicht, die Zehn für eine emotionale Massenhysterie. Ich sitze bequem. Mit Blick auf die Bühne. Die richtige Zeit.

Der Abend beginnt slamgemäß. Einstimmung durch den MC, dann der featured poet. Aufwärmen und Lockermachen. Ein Slam, fast genau wie zu Hause. Und einer, wie er im Buche steht. Z.B. in Boris Preckwitz’ "Slam Poetry": eine "literarische Kulturperformance", die "die zerstörerischen Kräfte des amerikanischen Liberalismus und ihres ‚survival of the fittest’ karnevalistisch parodiert". Durch den dichterischen Konkurrenzkampf. Der sich hier nicht anfühlt wie einer. Denn auch wenn der Werbeaufsteller auf dem Gehsteig die 50 Hauptpreisdollar groß ankündigt – der Wettbewerb ist symbolisch. The points are not the point.

The point is poetry. Diese Slam-Maxime wird von MC Kevin McCameron zitiert. Wie die anderen Regeln. 3 Minuten Zeit. Ein selbstgemachter Text. No props, also: Keine Kostüme, keine Requisiten, keine Instrumente. Der Rest ist Text. Und Performance. Interaktion. Die zwei Slammaster, es gibt noch einen, nämlich Hari Sky Campbell, spielen sich die Moderationsbälle zu, nicht immer sanft, innig aber immer. Und halten Publikum und Jury, weil diese nun mal dazugehören, verantwortlich: "We always applaud the poet!". Oder: "Score, don’t think!". Eine Jurorin verteilt konsequent Zehnen. Der Slam ist schnell, hält die Spannung. Und öffnet den Raum für Bezüge. Beifall, Zwischenrufe, Yeahs, faule Witze, Grinsen. Die genau richtige Sache. Zwischen den Tischen, über die Tische hinaus. Vom Zuschauerraum auf die Bühne und zurück. Das Mikrofon als Schwerpunkt mit wechselnden Gegengewichten.

Die Texte. Viele erzählen von den "outskirts of mainstream America". Nicht, weil viele Slam-Poets Underdogs sind. Sondern weil sie eine besondere Perspektive haben. Darüber schreiben, was man nicht im Werbefernsehen sieht. Die kapitalistische Zwickmühle. Miese Jobs. Rassismus. Ungerechtigkeit. Sie wollen nicht "content with discontent" sein, in einem Bürowürfel darauf warten, dass ihr Leben beginnt. Hinterfragen die bunten Verheißungen des American Dream. Nicht wirklich revolutionär, meistens. Oft Ironisch. Zynisch. Wütend mitunter. Manchmal mit der leisen Sehnsucht nach Echtheit, nach Liebe, Familie, nach Werten, einer unbestimmten Transzendenz.

Zum Beispiel der schwarze Collegeboy, dessen bester Freund bei der Armee ist. Der mit den Drillbeschreibungen in seinem Text "To John, who just came home from the Marine boot camp" sehr klar macht, wo er steht. Dabei trotzdem zwischen sich und den Freund, der bald im Irak sein wird, kein Stück Politik kommen lässt. Und sagt: "I know your family prays and prays and prays and prays and prays and prays for your safe return." Und dann: "And brother, so do I". Wie er es sagt. Da wird etwas spürbar.

Oder der alte Mann. Mit krummem Rücken unterm Hemd und hängender Krawatte. Haut und Haare zigarettengrau, tiefe Furchen hinter der Brille. Die Stimme zigarettenrau spricht er sein Lied. Denn ein Lied ist es, reine Erde, Country. Ohne Gitarre. "Won’t you follow me" ist der Refrain dieses Textes, mit dem man von St. Louis aus nach Westen zieht, über die große Ebene, auf der Flucht von der Eisenbahn und als ihre Vorhut, "oh won’t you follow me", über die Berge an den kalifornischen Strand, auf der Flucht vor der Autobahn und als ihre Vorhut, und immer im Rhythmus des amerikanischen Fortschritts, der die Menschen überrollt.

Da sind andere. So unterschiedlich wie Form und Vortrag ihrer Texte: Gelesen oder gerappt, vom Blatt oder aus dem Kopf, Englisch oder Spanisch, Slang oder gedrechselte Sätze. Viel Witziges auch. Viel Sex. Ich verstehe nicht jeden Namen, nicht jede Zeile. Aber Slam funktioniert ja nicht allein über Worte. Und dass am Ende eine schwarze Poetin, die über "racial dignity" redet, viel zu schnell, aber elektrisch, nicht nur den meisten Applaus, sondern auch die höchste Jurywertung bekommt; dass der Collegejunge den dritten und sein Latino-Tischgenosse den zweiten Preis gewinnt, mit seinem Text "To Dr. King, January 19, 2004"; ist nicht wirklich wichtig. The points are not the point. Die Siegerin sagt, dass sie die 50 Dollar gut gebrauchen kann. Weil sie allein erziehend ist und pleite.

Und das ist vielleicht noch ein weiterer Punkt.

<< zur vorherigen lit.post

Artikel drucken

Jan Oberländer , © lit03.de, 2004