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Fernschreiber
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Pinkelpause
M. behauptet, ich sei rechthaberisch. Ich aber sage: Ich bin höchstens ein bisschen altklug, das liegt aber ausschließlich daran, dass ich mich besser auskenne als du. Woraufhin M. meint, ich sei rechthaberisch. M. hat gut reden. M. ist nämlich in Mtoumbaland in Westafrika geboren und erst nach Deutschland verschleppt worden, als er schon genügend Abwehrkräfte gegen deutsche Unsitten ausgebildet hatte. Ich bin im tiefsten Niedersachsen zur Welt gekommen und da steckt einem das Rechthaben quasi in den Genen. Und das Rechtbehalten. Nicht zu vergessen: das Aufseinemrechtbestehen. Das kommt gleich neben dem Gen, das einen auf Grünkohl & Bregenwurst programmiert.
Meine herkunftsbedingte Determination wurde mir erst kürzlich im Regionalexpress von Hannover nach Hildesheim vor Augen geführt. Es war einer dieser neuen Züge, die aus einzelnen Waggons bestehen, wo man nicht mehr von einem Ende des Zuges zum anderen gehen kann. In meinem Abteil herrschte großer Tumult, da die Zug-Toilette defekt war. Besonders die älteren Passagiere fühlten sich von der Bahn als Institution persönlich angegriffen. Eine Dame mit lustigem Hut, der aussah wie das, was von einem Igel nach ein paar Tagen auf dem Asphalt übrig bleibt, teilte mir ungefragt mit, dass die neuen Züge eine Fehlkonstruktion und die Toiletten grundsätzlich defekt sind. Verstopfung ab Werk.
Sie sollte Rechtbehalten. Die Schaffnerin gab kurz darauf bekannt, dass die Toiletten im gesamten Zug defekt sind. Woraufhin einige Rentner protestierten, dass sie ein Recht darauf hätten, ihr Bedürfnis im Zug zu verrichten. Die Schaffnerin erwiderte, wenn es ganz dringend sei, könnten wir im nächsten Bahnhof eine Pinkelpause einrichten. Was dann auch lautstark von der niedersächsischen Inkontinenz- und Prostatabeschwerden-Fraktion eingefordert wurde. Wir hielten sage und schreibe 10 Minuten in einem Niemandsland-Bahnhof. Und während ich zusah, wie sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten, hätte ich meine BahnCard50 verwettet, dass die Herrschaften gar nicht gepinkelt haben, sondern sich nur die Hände im Bahnhofsklo wuschen. Weil sie ein Recht darauf hatten.
Verglichen damit ist mein Rechthaben geradezu harmlos. M.’s schlechter Einfluss macht aus mir einen fast schon kompromissbereiten Menschen. Neulich konnte ich sogar zugeben, dass seine Fleißgauer Mundart manchmal ein ganz klein bisschen charmant ist - wenn man nur genug Rotwein intus hat. So kann das nicht weitergehen. Wenn mir mein kosmopolitischer Freund noch einmal sagt, ich sei rechthaberisch, werde ich antworten: Ich kann nicht anders, das erwartet man als gute Niedersächsin von mir. Und wenn er dann auch nur den Mund auf macht, werde ich ihn daraufhin weisen, dass man Menschen nicht auf Grund ihrer Herkunft diskriminieren darf.
M schreibt über:
Schienenersatzverkehr
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W. und M.
, © lit03.de, 2004
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