lit.folgen




Diesen Artikel ausdrucken


lit.post

Fliegende Fasern

11. Januar 2004

Im Inneren der Maschine. Irgendwo über dem Atlantik. Man wird gefragt, was man trinken will. Es gibt Salzbrezeln, damit man durstig bleibt. Alles Ablenkung. Vom Schwebezustand. Davon, dass zehn senkrechte Kilometer Luft zwischen den Brezeln und der Wasseroberfläche liegen. Dass man beim Einchecken nicht nur seine Koffer, sondern auch die Kontrolle aufgegeben hat. Seine Piloten sieht man erst nach der Landung. Wenn überhaupt.

Man ist hier allein mit sich selbst. An Bord ist Gruppenbildung nicht gestattet, aus Sicherheitsgründen sogar die Kloschlange verboten. Draußen viel Himmel, drinnen viel Zeit. Die Airline hilft. Positionsanzeige auf dem Infobildschirm über dem Gang, dann ein Quiz. "Was haben 'Fanny Hill', 'Don Quixote' und 'Mein Kampf' gemeinsam?" Reisen bildet. "Sie alle wurden im Gefängnis geschrieben".

Klar. Man muss ja an irgendwas denken. Sich ablenken. Das Flugpersonal verteilt die Einreiseformulare. Textaufgabe: "Waren oder sind Sie in Spionage-, Sabotage- oder terroristische Aktivitaeten verwickelt? Waren Sie am Voelkermord oder in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in irgendeiner Weise an den Verfolgungen des nationalsozialistischen Regimes Deutschlands oder seiner Verbuendeten beteiligt?" Ich verkreuze mich. Ich brauche einen neuen Bogen.

Auf dem Bildschirm beginnt ein Videofilm, man wird gebeten, die Blenden vor die Fenster zu schieben. Ein paar Leselampen blinken auf. Ich habe Bernhard Schlinks "Der Vorleser" mit. Und "Faserland" von Christian Kracht. Thema Deutschland. Für einen Deutschkurs an meiner Uni. Die Bücher sind schon ein paar Jahre alt. Vielleicht beantworten sie nichts. Aber sie denken und fühlen hin und zurück, sehr genau. Mit dem "Vorleser" erkennt man das Fürchterlichste an den Nazis. Dass sie Leute waren. Und auch in "Faserland" scheint immer wieder das Früher durch, unter einer viel zu dünnen Oberfläche aus Dekadenz und Selbstbetrug. Damals ist noch sehr aktuell.

Zum Beispiel. Ich, kurz vor der Abreise, mit Freunden im elterlichen Wohnzimmer. Reden über die Großväter. Der war bei der SS. Fast trotzig: Leibstandarte. Der wurde im Bomber abgeschossen. Der hat bestimmt getötet im Krieg. Der war im U-Boot. Der war bei den Amerikanern in Gefangenschaft. Und der in Russland. Von dem weiß man gar nichts, hat nie was erzählt, und jetzt ist es zu spät.

Dann dieses Fotoalbum. Westerland, Sommer 1939. Die Hakenkreuzbanner auf Vollmast, ein Flieger tief über der Promenade. Die braungebrannten Posen wie Urlaub, aber mit den Fahnen im Hintergrund erscheinen die Gesichter fast trotzig, "das waren wir, das war die Zeit". Geschichte wird gemacht. Unter Flugzeugen. In Flugzeugen. Jeder macht seine.

Der Mann im Sitz neben mir starrt in einen Agententhriller: Spionage, Sabotage, Flucht. Verfolgungsjagd. Der vor ihm studiert engbedruckte Unterlagen, kritzelt in seinen Kalender. Plant das Leben nach dem Flug. Ich muss mal. Bald sind wir über der Mitte des Meers. Ich schreibe irgendwas auf.

<< zur vorherigen lit.post

Artikel drucken

Jan Oberländer , © lit03.de, 2004