lit.folgen:
Fernschreiber








Diesen Artikel ausdrucken

W
sempre das gleiche

Mein guter Vorsatz für 2004 lautet: Nicht mehr mit M. diskutieren. Diskussionen mit M. sind wie Trinkgelage. Sie beginnen gut gelaunt (Phase I), steigern sich ins Euphorische (Phase II) und eskalieren schließlich in unkontrollierten Attacken (III). Hinterher beobachtet man, wie das Aspirin im Wasserglas sprudelt, und fragt sich: Warum tue ich mir das immer wieder an?

Kopfschmerzen gab es das letzte Mal, als ich mit M. über die schlichte Schönheit südländischer Konversation und die billigen Tricks männlicher Manipulation gestritten hatte. Ich war gerade von einer Venedig-Reise zurückgekehrt und berichtete ihm von den Vorteilen der Lagunenstadt, abseits von Winterdepression und urdeutscher Kontaktscheu (Phase I). In Venedig kommt man schnell ins Gespräch. Da in den Bars Rauchverbot herrscht, nehmen die Raucher ihren vino rosso auf der Straße ein. Die Freunde der Raucher kommen hinzu, weil man sich gerade so gut unterhalten hat, und schon herrscht trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt Straßencaféatmosphäre. Und weil es sich im Stehen besser durchmischt, kommt man schnell ins Gespräch. An diesem Punkt stichelte M. bereits, ob ich denn jetzt den Gondoliere fürs Leben gefunden habe. Ich sagte, dass der Vorteil südländischer Konversation in der Romantik des Moments liegt. Beispiel:

Als ich M. in einem Nebensatz verriet, dass mein Zweitname Angelika ist, war sein einziger Kommentar: So heißen Tanten und Kindergärtnerinnen. Als ich dem venezianischen Raucher mitteilte, dass ich Angelika heiße, da mein deutscher Erstname für Italiener unaussprechlich ist, schaute er mich einen Moment an und sagte: „Ja, du hast etwas von einem Engel.“

M. nannte mich Touri-Naivchen, ich sagte, dass sich die Situation auf deutsch längst nicht so schildern ließe, wie sie auf italienisch geklungen habe. Weil dem Deutschen einfach die Geigen und der Vollmond im Timbre fehlen (Phase II).

Daraufhin verfasste M. stante pede ein Pamphlet für die deutsche Sprache. Er erzählte von glänzenden Französinnen und Freude schöner Götterfunken im Nachtbus, ich erwiderte, dass jemand, der Französinnen mit dem Attribut glänzend ausstattet, zu viel Werbung gesehen hat, wo eben jenen Damen das Bier so schön geprickelt hat in die Bauchnabel.

Phase III habe ich größtenteils verdrängt. Sie endete damit, dass ich M. einen phantasielosen Hauptstadtfuzzi nannte und ihm nahe legte, er möge einsam in seiner Neuköllner Küche versauern und Bierwerbung gucken. Woraufhin er auflegte.

Für 2004, meinen Seelenfrieden und meine Telefonrechnung also keine Diskussionen mehr mit M. Ab sofort. Oder zumindest, sobald ich ihn davon überzeugt habe, dass ich im Recht bin.

M schreibt über: Dans le Nachtbus

Artikel drucken

W. und M. , © lit03.de, 2004