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Risse. Nüsse.
12. Dezember 2003
Mein Fenster ist undicht. Deshalb zieht der Wind durch, nachdem er auf dem Dach des Nachbarhauses war. Dort jagen sich zwei Eichhörnchen zwischen den Schornsteinen. Eine Straße weiter bohren schwere Maschinen Löcher in den gefrorenen Boden. Es knirscht. Ich ziehe die Decke über den Kopf.
Im Supermarkt gab es Adventskalender. Deutscher Import. Original advent calendar with 24 milk chocolate treats. Vertraute Szenerie. Ein verschneites Haus, glückliche Kinder. Ein weißbärtiger Santa. Ich hab sie gekauft. Jetzt grabe ich jeden Morgen nach heute, suche im Schnee, im Bart, in kleinen rotbäckigen Gesichtern. Ich knicke Türchen auf. Die Schokolade ist billig, kostbar, sie bringt alles wieder: Schlafanzug, Zuhaus, den grünsten Weihnachtsbaum, unerträgliche Vorfreude, Geläut. Stücke von früher.
Manchmal ist die perforierte Linie nicht zu finden. Dann gibt es keinen Riss im Karton. Nichts hervorzuholen. Nichts zu entdecken und zu erinnern.
Neben dem Kalender klebt eine Postkarte, ein Motiv von Alan Cohen. Schroff, schwarzweiß. Sie hat mit Dezember nichts zu tun. Aber mit Erinnerung. Mapping and honoring memory. Ich war auf der Ausstellung. Kleine quadratische Fotos: Felsen, Asphalt, Erde, Wasseroberflächen. Zeitlos und ortlos. Ich konnte nichts finden. Sie waren zu hart, um zu suchen.
Aber. Ein Bild: Lae’Apuki, Hawaii 2002. Erkaltete Lava. Dunkelgrau, zersplittert, an einigen Stellen glänzend. Ich lese, dass der Vulkan ein Dorf begraben hat. Einfach überflossen. Inscriptions of time / Topographies of history. Da sind die Linien und Risse, denen ich folgen kann. Und da sind die verlorenen Räume, unbestimmt, aber vollkommen, ein Vorrat an Zuhause. Und ich spüre den Ausbruch und das langsame Fließen. Ich niese.
Es ist kühl. Ich sollte jetzt aufstehen. Über meinem Bett stehen zwölf Türen offen. Und das Fenster. Heute ist Sonnabend oder Sonntag. Ich habe Flugtickets, am 24. bin ich zu Hause. Es wird warm sein im Wohnzimmer. Kerzenwachs wird auf den Boden tropfen und die Tannennadeln verkrusten. Meine Mutter wird Schokolade bringen, mein Vater wird dasitzen und Nüsse knacken und ich werde kauend von den Eichhörnchen erzählen. Sie kriegen sich. Sie teilen die wiedergefundene Nuss.
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Jan Oberländer
, © lit03.de, 2003
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