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In The Ghetto

oder

In the ghetto

Im Netz nennt man sie "Scriptkiddies". Teenager, die auf ihren Windowsrechnern dutzende von Hacktools installiert haben, um mit ihnen andere Windowsrechner zum Absturz zu bringen. Da sie aber selber keine einzige Programmzeile programmieren können, greifen sie auf Programme zu, die andere, fähigere Leute bereitgestellt haben. Schön übersichtlich, mit benutzerfreundlichem Menü. Hacken per Mausklick. Und das unter Windows.

Nun könnte sich im Zuge des Hypes um die HipHop-Szene ein ähnliches Phänomen bei Textverarbeitungen durchsetzen. Für alle, die sich ihre Hosen nicht durch Breakdance dreckig machen wollen. Für alle, deren Rapfähigkeiten sich darin erübrigen, den Refrain von Eminem-Liedern nachzusingen. Vor allem aber für jene, die neidisch vor den farbigen Walls stehen oder den vollgesprühten Zügen hinterher schauen, die sie mal wieder verpasst haben.

Mit der Schriftart one8seven kann sich dieser Kundenkreis ein Stück Ghetto-Feeling auf den PC holen. Das Kürzel 187 steht im amerikanischen Polizeifunk für den Code Mord. Das sorgt für die Aura der definitiven Grenzüberschreitung. Mp3s auf die Festplatte saugen ist da nur was für Verlierer und gottverdammte Mutterficker.

So wird aus dem "Scriptkiddie" ein "Writekiddie". Schnell in Word einrichten, die DIN A4-Seite auf dem Bildschirm querlegen, als ob es eine Mauer wäre. Dann Eminem einlegen. Und schon kann es losgehen. Dank der Farbfunktion kann jeder einzelne Buchstabe markiert und anders koloriert werden. Ohne dass die Sprühdose hässliche Flecken auf dem Ärmel vom Hemd hinterlässt. Da muss man Mutti nichts erklären. Und weil alles so einfach geht, muss sich der neugeborene Microsoft-Word-Sprayer nur noch ein Pseudonym einfallen lassen. Zum Beispiel .

Dann das Ding ausdrucken und sich über das frisch gemachte Bett hängen. Oder ausschneiden und als Schablone benutzen. Draußen im Asphaltdschungel. Aber Vorsicht: in der Szene heißen Anfänger "Toys". Und wenn einer dahinter kommt, könnte sich ein neuer Begriff bilden. "Microtoy" beispielsweise. Oder „Microboy“. Eigentlich kein schlechter Name für den Anfang. . Das klingt nach was. Und aussehen tut es auch nicht schlecht. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem jemand auf dieselbe Idee kommt. Dann bleibt dem Microboy nichts anderes übrig, als im Netz nach neuen Fonts zu suchen. Oder doch mit der Sprühdose heimlich zu üben. Am Bildschirm. Mit Microsoft Paint. Unter Windows. Yo, Baby, yo. Let the motherfucker go. Oder so.

In the ghetto

one8seven, zu finden unter www.fontasy.de

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Hanno Raichle , © lit03.de, 2003