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Hölle Hildesheim
Dieses Jahr, hatte ich mir geschworen, sollte die Laune wenigstens bis Weihnachten halten. Nur dieses eine Mal. Einen so großen Vorrat an Sonnenlicht wie im letzten Sommer konnte man in Hildesheim noch nie tanken. Doch kaum kommt der November, rennen wieder die grauen, augenberingten Gesichter durch die Straßen. Zumindest die, die sich noch aus dem Haus trauen. Wie in jedem Winter. Seit es draußen nicht mehr hell wird, steigt meine Telefonrechnung schneller als die Temperaturen fallen. Man trifft niemanden mehr en passant, im Straßencafé, am See, im Park. Man muss telefonieren, um sich zu verabreden. Die Menschen hocken in ihren Wohnungen und verstecken sich vor der Winterdepression. In meinem Freundeskreis hat sie bereits einige erwischt. Bilanz: eine fast und eine ganz zerbrochene Beziehung, einer hat Rückenprobleme, weil er seit Tagen nicht aus dem Bett gekommen ist, eine hat sich nach Brasilien abgesetzt.
M. sagt am Telefon, ich soll Bananen essen, für die Laune. Ich habe höhnisch gelacht und ihm meine Vorsichtsmaßnahmen gegen die Winterdepression aufgezählt: täglich zwei Bananen plus extra Magnesium, Lichttherapie mit einer Infrarotlampe vom Flohmarkt. Und Beach Boys hören. Doch trotzdem bin ich irgendwann aufgewacht und prompt hatte sie mich erwischt. Hatte sich mir schwer auf die Brust gesetzt und gesagt: "Dein Leben ist sinnlos, deine Freunde tun nur so, als ob sie dich mögen, und dein Teint ist eine Zumutung. Und das ist erst der Anfang, Baby." Als M. erwiderte, dass er von den Beach Boys auch Depressionen bekäme, legte ich auf.
Es wird einem wirklich nicht leicht gemacht. In der Fußgängerzone hängt schon die Weihnachtsdekoration, und der ukrainische Student am Bahnhof spielt Oh Du Fröhliche auf dem Akkordeon, und dann rief gestern auch noch meine Mutter an, um zu fragen, wann ich Weihnachten komme. Dann rief mein Vater an, um zu fragen, wann ich Weihnachten komme.
Vielleicht sollte ich dieses Jahr Weihnachten mit M., Wodka und Video in seiner Neuköllner Küche verbringen. Fernab von niedersächsischen Tiefebenen und Familienhopping. Dann laufe ich nicht Gefahr, Heilig Abend auf einer vereisten Landstraße zwischen Hildesheim und Celle im Graben zu enden.
M. war von dem Vorschlag nicht begeistert. Er will Weihnachten diesmal einfach zulassen und hat sich bereits mit Lebkuchen und einer Weihnachtslieder-Mix-CD eingedeckt. Eine Weihnachtsfeier will er veranstalten, hat er in den Hörer gesummt.
In der Großstadt hat die Winterdepression kein so leichtes Spiel, weil es nicht so viele Bäume und Grünflächen gibt, die trostlos aussehen können. Hochhäuser bleiben Hochhäuser, egal ob es Sommer oder Winter ist. M. hat für mich einen Bildschirmschoner aus dem Netz herunter geladen, der einen brennenden Adventskranz simuliert. Als Dankeschön habe ich seinen Anrufbeantworter mit Weihnachtsliedern bespielt. Songs von den Beach Boys, interpretiert von ukrainischen Studenten mit Akkordeon.
M schreibt über:
Himmel über Berlin
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W. und M.
, © lit03.de, 2003
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