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Es wird kalt hier
27. - 31. Oktober 2003
Manche Bäume färben sich fast violett. Über Nacht Temperatursturz von zwanzig Grad auf fünf. Wenn es windig ist, fliegen die Blätter tief. Gestern habe ich einen Kampfjet gehört, etwas später seinen weißen Bauch über mir gesehen. Drachensteigen. Leichtes Gruseln. Die New York Times hatte diese Woche täglich uniformierte Amerikaner auf dem Titel. Montag: Feuerwehrleute. Dienstag und Mittwoch: Soldaten. Donnerstag und Freitag: Polizisten. Klingt verzerrt. Auffällig ist es trotzdem.
Es ist Halloween. Grinsende Kürbisse, Kostüme. Hut plus Colt gleich Cowboy. Deckweiß im Gesicht der Fast-Food-Servicekraft. Im Computerraum ein buntes Disney-Schneewittchen. Eine Hexe mit Hut und Warzennase im Bookshop. Dessen nichtliterarisches Angebot: Chefsessel, Golftaschen und Weihnachtsbaumkugeln mit Uni-Logo. Bürobedarf. Medikamente. Cola. Dekoratives Laub auf aktuell bestückten Büchertischen: The Zombie Survival Guide. Mittleres Gruseln.
Nonfiction. Ein Trend auf der New York Times-Bestsellerliste: Bush-Bashing.
Auf Platz eins: das neue Buch des populären Michael Moore. Nicht amerikafeindlich, aber bushunfreundlich. Moore kämpft nicht gegen den Staat, sondern nach dessen Regeln. Die Antwort auf seine Titelfrage Dude, Where’s My Country? ist verbunden mit dem Aufruf, des Präsidenten Wiederwahl zu verhindern: gleichgesinnte Mitbürger an die Urne agitieren, Wahlpartys veranstalten. Denn Bush tut Amerika nicht gut. Und mein, dein, unser Land ist "right outside your window, just waiting for you to bring it home". Auch ein Dutzend Exemplare dieses sehr demokratischen Buches warten drauf.
Schräg unter dem neuen Moore steht Bushwhacked von Molly Ivins und Lou Dubose im Regal. Platz sechs. Das texanische Duo hat schon 2000 in Shrub: The Short but Happy Political Life of George W. Bush die Politik des damaligen Gouverneurs von Texas aufs Korn genommen. Jetzt zielt die Kritik auf Bush als Präsidenten.
"They think you are stupid". Die andere Seite. Im konservativen weißen Kostüm lächelt Laura Ingraham vom Cover von Shut Up & Sing. Ihre kühle Erscheinung macht ihre Polemik umso haarsträubender. Ihrem Buch zufolge gibt es eine Verschwörung der "Eliten" gegen alle "freedom-loving Americans". Die Liberalen, die Intellektuellen, "Hollywood-celebs, media yuppies, multiculturalists, god-haters" sowie Kofi Annan missgönnen Ingrahams bushtreuer, kirchgehender, waffentragender Zielgruppe ihre selbstverständliche Selbstsicht als Weltvorbild. Bush-Amerika als "city upon a a hill". Starkes Gruseln. Die Gegenthese: "But it is they who are stupid." Stärkeres Gruseln. Listenplatz elf. Ein einzelnes Exemplar im Regal.
Den Blick nochmal nach oben. Platz drei. Al Frankens Lies. And the Lying Liars Who Tell Them: "A fair and balanced look a the right". Franken ist Komiker, Schauspieler, Liberaler. Und Autor zahlreicher Bestseller. In seinem aktuellen hinterfragt er, mit Recherchehilfe eines 14köpfigen Teams, die Demagogien der Bush-Regierung und der rechten Medien. Die Rechten kämpfen mit Lügen, schreibt Franken, man muss ihnen die Wahrheit entgegensetzen: "Truth to power, baby". Die muss dabei witzig sein und attraktiv. Wie Lies: dicker Quellenapparat, mitreißende Schreibe. Anspruchsvoll und ansprechend – Wie es sein muss, schließlich ist Meinungsmarkt da draußen.
Morgen ist Halloween-Party. Ich brauche noch ein Kostüm. Vielleicht Hut plus Colt. Und weiße Schminke. Oder bloß ein violettes Blatt. Das wäre witzig, attraktiv, und fast die nackte Wahrheit, Baby. Man könnte meine Gänsehaut sehen. Wegen des Gruselns. Und außerdem wird’s wirklich kalt hier.
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Jan Oberländer
, © lit03.de, 2003
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