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Hypermarché

Der geschichtsträchtige Keks

Anfang der 90er bekamen Club-Gäste statt eines Begrüßungsdrinks einen Glückskeks. Die klein gedruckten Weissagungen konnten den Abend in ein völlig neues Licht rücken: Wer Liebe kommt zu dir! im Gebäck fand, ging vielleicht nicht allein nach Haus. Weniger hilfreich waren Sprüche wie: Eine handvoll Geduld ist mehr wert als ein Scheffel Gehirne oder Die Wirklichkeit ist heute weniger schmerzhaft als sonst. Besonders hart Gesottene aßen die Kekse als Grundlage für den erwarteten Alkoholkonsum. Die Mehrheit ließ die Kekse jedoch unauffällig in der Nähe des Eingangs fallen, wo sie nach und nach zertreten wurden. Es sah aus wie nach einem Miniaturpolterabend.

Erfunden wurden sie im 13. Jahrhundert. Als die Mongolen in China einfielen, wollte man in Peking einen Volksaufstand gegen die Invasoren anzetteln und dem Volk den Befreiungskampf schmackhaft machen. Heimlich versteht sich. Und was schmeckt gut und hat einen Zettel in sich? Bingo: Der Glückskeks - damals in Form des aus Lotuspaste hergestellten Mondkuchens. Und weil die Mongolen Lotuspaste verabscheuten, bekamen sie nichts von dem geplanten Aufstand mit und wurden schnurstracks wieder aus dem Land geworfen.

In seiner trockenen Form kommt er von den Chinesen, die an den amerikanischen Eisenbahnstrecken arbeiteten und keine Paste und keinen Kuchen hatten. Heutzutage bekommt man in nahezu jedem China-Restaurant in den U.S.A. oder Kanada zum Abschluss des Essens einen Glückskeks. Immer mehr Firmen und auch Regierungen benutzen Glückskekse für Werbezwecke.

Vorstellbar wären auch Do-it-yourself-Glückskekse, in denen man Botschaften für Freunde und Feinde verpacken kann, die man schon immer mal loswerden wollte. Für den Liebsten beim romantischen Dinner. Für den unliebsamen Kollegen in der Kantine. Durch den Keks gesprochen. Da könnte im zerbröselndem Gebäck dann stehen: Nicht jeder Ratschlag hat Hand und Fuß.

Zu finden in jedem gut sortieren Asia-Laden.



Wiebke Eymess , © lit03.de, 2003