lit.folgen
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DER WERT DES WORTES.
von Hanno Raichle
Anfang der 1990er Jahre erlebten Japans Warenhäuser einen seltsamen Run auf eine bestimmte Reismarke. Tausende von Jugendlichen strömten an die Regale, auf der Suche nach einem ganz bestimmten Produkt. Nicht dass der Reis besonders gut geschmeckt oder sich großartig von anderen Sorten unterschieden hätte. Das Geheimnis lag auf seiner Verpackung: entfernte man den aufgedruckten Strichcode und zog ihn durch das Lesegerät des "Barcode Battlers", errechnete die Handheld-Konsole einer Spielfigur Werte wie "Lebensenergie", "Angriffskraft" und "Verteidigung", mit der man gegen einen anderen Spieler kämpfen und dank der enormen Reis-Werte schlagen konnte.
Barcodes bestehen aus Nummern, die digitalisiert werden und Informationen über Herkunftsland, Hersteller und Produktdaten liefern. Trockene Materie, interessant vielleicht für Mathematiker und Lebensmittelkontrolleure. Mit der Schriftart "BARCOD39" lassen sich aber jetzt komplette Worte und Sätze in Strichcode umwandeln, ja sogar ganze Romane.
Das eröffnet dem literarischen Utopisten ein weites Feld an neuen Möglichkeiten. Mit dem richtigen Lesegerät könnten wir Kafkas "Prozess" beispielsweise gegen Salingers "Fänger im Roggen" battlen lassen. Wir können die uralte Frage klären, ob Hemingway Bukowski zusammengeboxt hätte oder umgekehrt. Willkommen im Fight-Book-Club.
Lektoren in Verlagshäusern könnten mit einer einzigen Laserabtastung hunderte Manuskripte auf Werte wie "Lesequalität", "Sprache" oder "Bestsellertauglichkeit" prüfen. Das beugt den Rückenschäden dieser Berufssparte vor, und es geht schneller.
Letztendlich würde selbst der schiefe Studienturm von Pisa ein wenig in die Vertikale gerückt werden: Statt "Yu-Gi-Oh!"-Sammelkarten werden nun auf dem Schulhof Brecht und Goethe getauscht. Tausende Teenager stürmen durch Buchhandlungen, um "Ulysses" zu kaufen. Wegen der enormen Powerwerte. Oder versteckt sich irgendwo im Bahnhofskiosk der Superman aller Bücher, verkleidet als Trivialroman "Chefarzt Dr. Holl"?
Bis es soweit ist, kann der Utopist nur eines tun: mit einer Liste Barcodewörtern in den nächsten Supermarkt an den Kundenscanner gehen und herausfinden, wie viel wert ist. Oder .
Wenn sich der Lese-Laser, der Laser-Leser darauf einlässt.

BARCOD39, wie in der Überschrift, zu finden unter www.fontasy.de
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Hanno Raichle
, © lit03.de, 2003
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