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Kiosk Hildesheim

Ich wohne in der Straße mit den meisten Kiosks pro Einwohner und Quadratmeter dieser Stadt. Dabei ist es bloß eine schmale Kopfsteinpflasterstraße, in die sich selten ein Nicht-Anwohner verirrt. Auf 250 Meter Straße kommen fünf Kioske, macht ein Kiosk alle fünfzig Meter. Wobei man da natürlich unterscheiden muss. Gerade, was Literatur betrifft.

Bei mir direkt gegenüber ist der Balkan-Feinkost-Kiosk. Dort kaufe ich morgens immer meine BILD-Zeitung, weil es der einzige Kiosk ist, der schon um sechs Uhr geöffnet hat. Neulich hielt der Türke, dem Balkan-Feinkost gehört, die Zeitung noch einen Moment fest, nachdem ich ihm das Geld auf den Ladentisch gelegt hatte. Er hat seine eigenen Ansichten zum Lesen. „Männer kaufen Zeitung wegen Sport oder nackte Frauen, welche Ausrede hast du?“, fragt er mich mit strengem Blick. Ich frage zurück, ob er seine Tabak-Kunden auch nach Lektürefähigkeit sortiert. Nach deren Interesse für die Verbraucherinformationen über Krebs, Missbildungen, Gefäßkrankheiten und andere gesundheitliche Schäden, die der EG-Gesundheitsminister auf Zigarettenschachteln so virtuos verzeichnet. Er kratzt sich den zerzausten Hinterkopf und schiebt die Zeitung über den Ladentisch.

Eigentlich sieht der Kiosk-Türke wie ein Kiosk-Franzose aus, weil er einen dichten Schnurrbart hat und an kühlen Tagen eine Baskenmütze trägt. Wenn der Kiosk-Türke mit einem Baguette unter dem Arm durch die Straßen liefe, würde das auch niemanden wundern. Er wäre ein Kiosk-Franzose, der an einen Kiosk-Türken erinnert.

Tagsüber kaufe ich nicht gern bei ihm. Da läuft man seiner übellaunigen Tochter über den Weg. Die Tochter vom Balkan-Feinkost-Türken ist obendrein dick, und manchmal starrt sie einfach durch mich durch, statt meine Fladenbrote, Weinblätter oder Schokoriegel abzukassieren. Und ich dachte immer, dass Gucci-Verkäuferinnen mit Kleidergröße 36 auf diesen Sphinx-Blick abonniert sind. Oder depressive Antiquariatsbesitzer.

Ich frage mich überhaupt, wie sich Läden halten können, wenn die Verkäufer so unfreundlich sind. Die Besitzer der beiden Trinkhallen in meiner Straße zum Beispiel. Die sind direkt beleidigt, wenn man sie wegen einer Bunten Tüte von ihrem Fernseher wegholt. Und man muss immer das Wechselgeld nachzählen. Vermutlich geben sie sich richtig Mühe, damit ihre Kunden sich beim Kauf von Bier, H-Milch und Zigaretten wie lästige Insekten vorkommen. Damit man sich wie zuhause fühlen kann.

Nachmittags schaue ich gern im Kiosk der persischen Familie vorbei. Auf der Eingangstür steht in leuchtenden Buchstaben Frucht-Oase, und genauso riecht es dort. Süßlich und frisch, nach Cocktails, nach Sonne und scharfem Ingwer. Außer Zigaretten und Zeitschriften liegen dort in grünen Körben Früchte aufgehäuft, von denen ich nie weiß, wie sie heißen und wie sie schmecken. Wenn die Frau bedient, steckt sie mir immer eine von den unbekannten in die Papiertüte. Manchmal schmecken sie nach Erdbeeren mit Sahne. Manchmal so wie der Atem eines Grundschulhausmeisters riecht: nach Landkarten, ausgestopften Tieren und Pausenkakao. Und einmal hatte ich Rotwein und Sex auf der Zunge. Leider weiß ich nicht mehr, wie die Frucht aussah.

Ich bemitleide Leute, die irgendwo wohnen müssen, wo es gar keine Kioske gibt. Nehmen wir Berlin. Die Berliner sind auf Snack-Shops von Neon überstrahlten 24-Stunden-Tanken angewiesen, die soviel Flair wie eine polnische Autobahnraststätte haben. Neulich habe ich M. in Berlin besucht, und als wir nachts nach hause kamen und noch feiern wollten, mussten wir uns für Bier und Chips an eine Videothek wenden. Wieder Neon. Neon nachts um halb drei ist schlecht für den Teint. Vielleicht musste ich deshalb wieder auf dem Sofa schlafen. Und was ist das überhaupt für ein Leben? I wanna wake up in a city that never sleeps. Aber wenn man sich nachts keine Bunten Tüten holen kann, ist das doch alles nichts.

Zurück in Hildesheim habe ich M. eine Email geschrieben: „Wenn man sich nachts keine Bunten Tüten holen kann, ist das doch alles nichts. Schlage vor, schlag es nach: Kiosk kommt aus dem Orientalischen und bedeutet soviel wie verzierter Gartenpavillon.“

Er behauptet, er hat die Mail nicht öffnen können. Auf dem Bildschirm ist nur „yps“ erschienen. Ich behaupte, dass war ein Wink des Schicksals. Denn wo, bitteschön, hat man früher seine Yps-Hefte gekauft?

M schreibt über: Kiosk Neukölln

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W. und M. , © lit03.de, 2003